Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Einleitung. 
einerseits die Welt deduktiv entwickelt, anderseits die Einheit 
des Seienden mit scheinbar unwiderleglicher Logik zumeist in 
einem geistigen Prinzipe, in der absoluten Form des indivi⸗ 
dualen Ichs, in Gott gefunden wurde. Es ist eine Lösung, 
die das Denken des 16. bis 18. Jahrhunderts näher zu dem 
des 19. Jahrhunderts herandrängt, so wenig gewisse Be⸗ 
ziehungen zu dem früheren, mittelalterlichen Wesen des Denkens 
herkannt werden konnen: und in diesem Zusammenhange spiegelt 
der Intellekt des 16. bis 18. Jahrhunderts die gesamte geschicht⸗ 
liche Stellung des individualistischen Zeitalters vorbildlich wider. 
Aber auch auf dem Gebiete der Willenstätigkeit läßt sich 
der Charakter des mittelalterlichen Kulturzeitalters als ein 
mittlerer zwischen Urzeit und Individualismus und ins— 
besondere Subjektivismus nunmehr leicht erfassen: folgt er 
doch, bei dem engen Zusammenhange zwischen Verstand und 
Willen, im Grunde wiederum schon aus der soeben dargestellten 
Stetigkeit der intellektuellen Entwicklung. 
Der voluntaristische Charakter der Urzeit war am deut⸗ 
lichsten und sichtbarlichsten durch die Tatsache der großen ge— 
bundenen Lebensgemeinschaften, vor allem des Geschlechtes, be— 
stimmt gewesen: ihnen gegenüber war die Einzelpersönlichkeit 
noch kaum individuell entfaltet. Demgegenüber geht die neuere 
Zeit seit dem 15. und 16. Jahrhundert von dem Pol des 
Individuums aus. Das Individuum so frei, wie sich das 
mit der Freiheit der anderen Individuen noch eben verträgt: 
daher auf geistigem Gebiete immer vollere Freiheit des Denkens 
und Bindung auf sozialem Gebiete nur, soweit es das Heil 
der ganzen Gesellschaft erfordert, das ist das Ideal dieser 
Zeiten. Und in ihm treffen sich daher auch die Zeitalter dieser 
Jahrhunderte: kennt der Individualismus noch einige Bin⸗ 
dungen an geistige Autoritäten namentlich der Kirche, so daß 
er autonomen sozialen Zusammenschlusses der Individuen ent— 
behren kann, so ist der Subjektivismus der neuesten Zeit dieser 
Autoritäten entledigt, zu sittlicher Begrenzung durch praktische 
soziale Rücksichten in einer ungemein lebendigen freien Vereins— 
bildung übergegangen.
	        
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