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Einleitung.
wenn auch nicht in der persönlichen Größe des Schaffens, so
doch in dessen Gesamttendenz merkwürdige Analogien zeigt
zu den Tagen des Klassizismus? Bilden doch selbst die
neuesten physiologischen und psychologischen Untersuchungen
zum Seelenleben nur die Kantsche Erkenntnistheorie weiter;
knüpft doch, um ein ganz disparates Gebiet heranzuziehen, die
jüngste kriminalistische Bewegung an Ideen aus dem Ende
des 18. Jahrhunderts an; ist doch Herder der Führer fast aller
jener neuen Richtungen der geisteswissenschaftlichen Forschung,
denen heute die Zukunft siegversprechend zuwinkt. In zahl—⸗
reichen Beziehungen also erscheint diese neue große Periode
des subjektivistischen Zeitalters im Sinne einer nur auf eine
höhere Stufe gehobenen Analogieentwicklung zu der früheren;
und es bleibt schon heute nichts mehr übrig, als das Zeitalter
des Subjektivismus demgemäß in zwei große Perioden zu zer—
legen: eine erste der Jahre 1730/1750 bis etwa 1870 und
eine zweite der Jahre 1830/,1870 bis hin zur Gegenwart.
Ist es aber Aufgabe der Geschichtsschreibung, auch schon
Umfang und Entwicklung der zweiten Periode darzustellen?
Man kann am Ende zweierlei Aufgaben der Historie unter—
scheiden: die eine bestände im Festhalten des geschichtlichen
Momentes und widmete sich so wesentlich der Gegenwart, der
anderen fiele die monumentale Darstellung des mehr schon
Vergangenen zu; die eine schüfe gleichsam auch Material für
die monumentale Geschichtsschreibung der Zukunft, die andere
brächte die Auffassung der Zeitgenossen von der Vergangenheit
zum treffendsten Ausdruck; von der einen würde gelten, daß
sie als historische Quelle ständig fortfließend gleichsam zeitlos
und jedenfalls über ihre Zeit hinaus lebt, auf die andere
würde, wenn auch in begrenztem Sinne, das resignierende
Wort zutreffen, daß die Nachwelt dem Mimen keine Kränze
flicht.
Unterscheidet man in dieser Weise, so sieht man wohl, daß
es eine Zielveränderung bedeuten würde, käme auch die jüngste
Vergangenheit unseres Volkes, die Entwicklung der zweiten
Periode des Subjfektivismus, in dem hier gegebenen Zusammen—