Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
die ersten Jahre waren toll. Der Herzog war noch blutjung, 
er brauchte eine Gärungszeit, und wenn je ein Most sich ab⸗ 
surd gebärdet hat, so war es dieser. Es waren zugleich die 
Zeiten, in denen Goethe sich in Thüringen befestigte, indem 
Laud und Leute bis aufs Mark kennen lernte und des 
Herzogs Herz gewann. Denn diesem war er, was Wieland 
‚orher gewesen war, in tausendfach verstärkter Art: Mentor 
und Bildner und Freund. Und gewann er nicht auch selber 
in dieser Lage? Wer erziehen will, muß sich selbst zügeln und 
gezügelt haben; mehr als je war für Goethe die ständig au— 
gestrebte Selbstbeherrschung auch Selbsterrettung. So beruhigte 
iich das Leben an dem kleinen Hofe, und Goethe wurde sein 
aützliches, ja bald sein bedeutendes Mitglied, indem er, zum 
Geheimen Rat und schließlich zum Kammerpräsidenten ernannt, 
den größeren und schwierigeren Teil der Landesverwaltung 
ibernahm. Dabei erschien ihm auch aus dem Aktenstaub und 
bergilbten Papieren das Leben schließlich doch in breiterer, 
klarerer Gestalt. Die technischen Zweige des Amtes verlangten 
Einarbeitung; und Berg und Tal und Wald und Feld ent⸗— 
fesselten unter dem Gesichtspunkte des Nutzbaren neue Inter— 
essen; vor allem der alte naturwissenschaftliche Sinn des Dichters 
sog aus ihnen gesunde Nahrung. 
Was aber Goethes Bildung in dieser Zeit vollendete, was 
ihn endgültig aus den Nebeln eines jugendlichen Naturalismus 
emporhob in reinere, ideale Sphären, das war eine edle Frau: 
Sie leuchtet mir freundlich und treu, 
Wie durch des Nordlichts bewegliche Strahlen 
Ewige Sterne scheinen. 
Wir haben eine klassische Schilderung der Frau von Stein 
aus dem Ende der Zeit, da sie Goethen alles gewesen war. 
Schiller lernte sie in einer adligen Gesellschaft unter allerlei 
flachen Kreaturen“ kennen. Sie erschien ihm als „die beste 
anter allen, eine wahrhaftig eigene, interessante Person“. 
„Schön kann sie nie gewesen sein; aber ihr Gefühl hat einen 
sanften Ernst und eine ganz eigene Offenheit. Ein gesunder 
Verstand, Gefühl und Wahrheit liegt in ihrem Wesen.“
	        
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