Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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unbedingten Weges gezogen zur Weltstadt des Abendlandes und 
westlichen Mittelmeeres, nach Rom. Und alsbald glaubte er 
in Rom das Geheimnis der griechischen Kunst zu entdecken: 
das Verfahren nach den Gesetzen, nach denen die Natur 
bildet; das Betonen des natürlich Notwendigen, daher selbst⸗ 
verständlich Großen, ja Göttlichen. Und indem er eingeweiht 
wurde, überkam ihn das Gefühl des Adepten, die „Gemessen— 
heit des Sinnes“: und indem ihn gleichzeitige Natur— 
beobachtungen den lange gesuchten Schlüssel zur Entfaltung 
zunächst der Pflanzenwelt und die erhaltene Lösung als allen 
Problemen der Kunst parallel laufend finden ließen, vollendete 
sich die Totalität seines Daseins. Er war jetzt in Groß— 
griechenland; mit noch ganz anderer Gewalt als römische 
Dinge ergriffen ihn die Ruinen Pästums in ihrer erhabenen 
Einsamkeit; mit dem Meere und den Bergen Siziliens lebte 
die Odyssee in ihm auf: — und erneut nach Rom zurück-, ja 
er durfte sagen heimkehrend, war er ein Glücklicher. 
„Ich bin wirklich umgeboren und erneuert und ausgefüllt. 
Ich fühle, daß sich die Summe meiner Kräfte zusammenschließt.“ 
„In der Kunst muß ich es so weit bringen, daß alles an⸗ 
schauende Kenntnis werde, nichts Tradition und Name bleibe, 
und ich zwing' es in diesem halben Jahre: auch ist es nirgends 
als in Rom zu zwingen.“ 
Das ist der Sinn, in dem die antike Natur in Goethe 
siegte. „Iphigenie“, „Tasso“, „Egmont“ erhielten jetzt ihre 
reife Form; in fortwährendem Zeugen hat diese antike Natur 
die „Römischen Elegien“, hat „Alexis und Dora“, hat die 
Homeridendichtung „Hermann und Dorothea“ geschaffen. 
Wir halten hier inne. Eine neue Entwicklungsstufe der 
deutschen Dichtung ist erreicht; der Klassizismus feiert sein 
frühestes und vielleicht schönstes Erntefest. War hier Goethe 
vor allen, ja fast allein Säemann und Schnitter zugleich und 
fielen seine Garben voll in allen Bereichen der Dichtung, so 
lassen doch die Dramen am besten ermessen, was gewonnen 
war. Denn das Drama ist nun einmal die bezeichnende Dichtung 
des Subiektivismus; und mit Recht konnten schon die Früh—
	        
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