Neue Dichtung.
319
lichen Personen mitteilt: einen Dämon, eine letzte Ausgeburt
der Genieperiode: eine Kraft von solcher Gewalt, daß sie fähig
erscheint, der Weltordnung von eigener Richtung aus entgegen⸗
zuarbeiten.
Als solche dämonische Natur hat Goethe nach eigener Er—
klärung Egmont lebendig machen wollen. Aber ist es ihm
gelungen? Am Ende scheint es doch vornehmlich der Reiz des
übergewöhnlich Liebenswürdigen, des menschlich Hinreißenden,
und nur nebenher der des Nachtwandlerischen zu sein, der von
ihm ausgeht. Indem aber das Dämonische wenigstens ab⸗—
sichtlich und grundsätzlich eingeführt erscheint, versteht sich auch
ohne weiteres der ins Jenseits übergreifende Schluß; und wenn
dieser erst unter den erhabenen Klängen der Musik Beethovens
künstlerisch ganz wahrscheinlich wird, so sieht man, wie in diesem
entscheidenden Augenblicke der noch nicht genügend gesteigerten
Stimmungsmalerei der Sprache die Kunst der Stimmung par
ↄxcollence zu Hilfe kommen muß.
Es ist der Zusammenhang, aus dem heraus „Iphigenie“
wie „Tasso“ dem Dichter erst dann vollendet erschienen, als
sie im Gewande des Verses daherschritten. Und zwar nicht
des Knittelverses, des alten deutschen Vierzeilers, den Goethe
im „Faust“ schon mit überwältigender Meisterschaft gebraucht
hatte, des Verses unserer Epigramm- und Spruchdichtung:
sondern im Gewande des musikalischen und monumentalen
Trimeters. Es ist derselbe Grund, aus dem Schiller im
„Don Carlos“ den Vers „Nathans des Weisen“ aufgenommen
hat: — im vollsten Bruche der ihm bisher gewohnten hastenden
Prosa.
In der „Iphigenie“ behandelt Goethe zum erstenmal ein
Problem, das dem psychologischen Drama besonders gemäß
erscheint: das Problem der Toleranz und der Humanität: der
allgemeinen Menschenliebe. Es rührte an eine der Grundfragen
der Zeit: in ihm trafen sich letzte Aufklärung wie entwicklungs—
geschichtlich gegebener Subjektivismus und hellenische Renaissance
als in der schönsten ihrer Harmonien. Darum ist es auch
mmer und immer wieder behandelt worden. Im Bereiche des