Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Dramas stehen da neben Goethes „Iphigenie“ vor allem noch 
Lessings „Nathan“ und Schillers „Don Carlos“. Aber wird 
man nicht seinem Verständnis in der „Iphigenie“ die Palme 
reichen? „Nathan der Weise“ handelt von kirchlicher Toleranz 
und innerer religiöser Freiheit, „Don Carlos“ von staatlicher 
Freiheit und der Begründung des Staates auf das Wesen des 
subjektivistischen Menschen: die „Iphigenie“, das Drama der 
Entsühnung, predigt die reine Menschlichkeit des Subjektivismus 
als allheilendes Element menschlicher Gebrechen, auch solcher, 
die aus niedriger Kultur oder krankhafter Verirrung hervor— 
gehen. Und gibt es noch ein zweites Drama nicht bloß der 
deutschen, nein der Weltliteratur, in dem Kampf und Not in 
gleich klarem, gleich sinnvollem, gleich menschlich schönem Aus— 
gleich enden? 
Die „Iphigenie“ ist in Italien abgeschlossen worden, doch 
war sie schon vor der italienischen Reise in allem Wesentlichen 
vollendet. Und so zeigt sie in Form und Inhalt nicht den 
Einfluß der italienischen Antike, sondern ist, soweit sie mit der 
Antike Berührung hat, ein Kind der Vorstellungen, die sich 
Deutsche in Deutschland von den Alten machten. Von diesem 
Gesichtspunkte aus erklärt sich die Abneigung gegen das Groß— 
artig-Gewaltsame, die sie trotz alles Fürchterlichen der Fabel 
durchzieht: erreicht wurde die stille Größe, in der die Kunst 
der Alten zu Winckelmann gesprochen hatte. Und aus dieser 
Tendenz zu stiller Erhabenheit folgte eine gehaltene Symmetrie 
des Szenenaufbaues, innerhalb deren sich die schönste Sprache 
durch wohllautende Verse in einen unerschöpflichen Reichtum 
sinnvoller Weisheit ergoß. Ja, auch die Gestalten waren in 
diese weiche Klarheit getaucht. Erscheinen sie nicht wie antike 
Statuen, die von ihren Sockeln langsam und feierlich herab— 
steigen, um in fast sakraler Gebärdensprache zu reden? 
Wir stehen an der Grenze, an der hellenischer Einfluß noch 
belebend wirken konnte, wenn er nicht, wie in einer noch späteren 
Entwicklungsstufe Goethes, im Gewande des Symbolischen auf⸗ 
trat. Und nur das gewaltige innere Weben des Stückes, das 
heute Menschenherzen ergreift wie am ersten Tag, verdeckt die
	        
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