Full text : Neueste Zeit (Abt. 3)

Bildende Kunst und Musik.

601

die Silhouette. Nach einem Minister Ludwigs XV. genannt,
der 1759 die französischen Finanzen vergeblich zu reformieren
beflissen gewesen, hat sie noch bis in die ersten Jahrzehnte des
19. Jahrhunderts hinein die Rolle gespielt, in die von da ab
das lithographische Porträt, dann die Daguerreotypie, endlich
die Photographie mit ihren Tochterkünsten eingetreten sind.
Vielleicht in ihrer raschen Verbreitung mit durch die gleich⸗
zeitige Beliebtheit jener griechischen Vasenmalerei älteren Stils
gefördert, die schwarze Figuren auf rotem Grunde zeigt, nicht
minder der antiken Medaillontechnik, insbesondere auch dem
Gemmenportrait verpflichtet, war sie doch auch an sich eine der
Zeit im höchsten Grade willkommene Kunst. Denn ihre Er—
zeugnisse waren billig, und die leichte Reproduktionsfähigkeit
des einmal vorhandenen ersten Exemplars gestattete alle Be—
kannte mit einem Andenken auszustatten: eine süße Genugtuung
für Zeiten enthusiastischer Freundschaft.
Es ist eine Entwicklung, die zu einem Vergleiche mit dem
Gruppenporträt der Niederländer des 16. und 17. Jahrhunderts
und dem Andachtsbildnis des 14. bis 16. Jahrhunderts auf—⸗
fordert. Dort schuf die scharfe geistige Gebundenheit an die
Kirche, die lockrere an die Genossenschaft unter noch gering
entfalteten Verkehrsverhältnissen, die den einzelnen ein für
allemal einer bestimmten kirchlichen und menschlichen Gemein—
schaft zuwiesen, Bildnisformen, die durch die in einem einzigen
Kunstwerk erfolgende Zusammenfassung gewisser Interessen und
Personen charakterisiert sind. Hier bestand eine der Form
nach viel weniger feste, aber doch immerhin noch eine gewisse
Bindung in den Zusammenhängen enthufiastischer Freund—
schaft; die Freunde aber wohnten nicht an einem Orte; in
dem regegewordenen nationalen Verkehr wechselten ihre gegen⸗
seitigen lokalen Beziehungen; und dem entsprach nun eine
Kunft, die auf möglichst billigem Wege Bildnisse in einer be⸗
liebigen Anzahl von Exemplaren herzustellen erlaubte und
jedem Freunde die Anlegung einer Sammlung von Freundes—
porträts gestattete. Es war ein Beitrag der bildenden Kunst
zur Entwicklung jener lockeren Formen freundschaftlicher Ge—
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.