Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
wand. Dabei war ihm keineswegs eine volle, große, etwa 
gar üppige Phantasie verliehen; wesentlich zur Befriedigung 
des Sinnes für feine Verhältnisse, für wohlgebildete Formen, 
allenfalls für bauliche Anmut schien er geboren. Aber gerade 
damit war seinem Hellenismus eine lange Zukunft beschieden, 
um so mehr als Bötticher diesen nach dem Tode des Meisters 
in seiner „Tektonik der Hellenen“ (1848 ff.) in ein System 
brachte, das auf ein Menschenalter die allgemeinen Vorstellungen 
über die Baukunst der Alten beherrscht hat, bis es der rea— 
listischen Archäologie seit 1870, dem Ausgrabungsergebnissen 
eines Schliemann und seiner Nachfolger und den daraus ab— 
geleiteten Folgerungen erlag. Und so hat man denn in Berlin 
noch bis in die achtziger Jahre hinein unter der unmittelbaren 
oder mittelbaren Nachwirkung Schinkels gebaut, wenn sich auch 
seit den späteren sechziger Jahren neben Bauten wie Stülers 
Neues Museum (1845 vollendet) Schöpfungen aus ganz 
anderem Gusse, namentlich Renaissancebauten, zu stellen be— 
gannen. Vor allem blieb die Privatarchitektur, soweit sie 
künstlerische Richtung innehalten wollte, noch lange dem 
Schinkelschen Stile in seinen letzten Ausläufern getreu; so 
sind die Villen der fünfziger und sechziger Jahre in dem 
Viertel vor dem Brandenburger Tore in diesem Stile gebaut, 
nicht minder die kleinen Schlösser des Hofes um Potsdam, 
wenn bei ihnen auch daneben englische Gotik gepflegt ward. 
Spätere größere Denkmäler sind noch die Nationalgalerie und 
die Siegessäule Stracks. Es ist im ganzen eine Bauweise, die 
nicht eines gewissen gefälligen Maßhaltens und bescheidener An⸗ 
mut entbehrt. Und das, was sie schließlich gestürzt hat, ist nicht 
eigentlich die Aufnahme eines anderen Stiles gewesen, obwohl 
man deren mittlerweile neben der Gotik der dreißiger bis fünf— 
ziger Jahre eine ganze Anzahl, so schließlich selbst wiederum 
Barock und Rokoko übernommen hatte, sondern die Unmöglichkeit, 
mit dem für die Ausbidung der antiken Baukunst maßgebenden 
technischen Material zahlreichen Raumbedürfnissen wenigstens 
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gerecht zu werden. 
Denn wer kann sich eine hellenische Eisenbahnhalle vorstellen?
	        
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