Neue Weltanschauung.
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anheimgegeben, und im Bereiche ihrer Herrschaft ist er geneigt,
die Macht der Einzelpersönlichkeiten, der Helden in der Ge—
schichte immer wieder zu überschätzen und ihrem Wirken im
Kerne ebenso direkten göttlichen, außerweltlichen Ursprung zu⸗
zuschreiben wie den größesten und allgemeinsten Tendenzen des
geschichtlichen Verlaufes.
So ist denn der Monismus Herders noch sehr weit davon
entfernt, ein nur in sich selbstbegründetes und folgerichtig
durchgeführtes System subjektivistischer Weltanschauung dar—
zustellen, wie unendlich stark auch seine Einzelanschauungen
gleichwohl im Sinne eines solchen gewirkt haben: im Grunde
unterliegt er, der Theologe, doch wieder speziell christlich⸗
theologischer Anwandlung.
3. Im Denken Herders war zum erstenmal eine allgemeine,
bis zur Weltanschauung fortschreitende Zusammenfassung jener
neuen Auffassungen auf psychologischem und auch ästhetischem
Gebiete vollzogen worden, welche den Gang des neuen Geistes⸗
und Gemütslebens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wissen⸗
schaftlich zu erklären und zu verwerten gesucht hatten. Es
war eine enthufiastische Synthese gewesen; und enthufiastisch
zum Teil, jedenfalls aber von vielen noch unbewiesenen Voraus—
setzungen getragen waren auch die Lehren gewesen, deren beste
allgemeine Veranschaulichung es bildete.
Die neue Ästhetik beruhte am Ende ganz auf der neuen,
subjektivistischen Psychologie. Worauf aber war diese be—
gründet? Die Lehre von den neuen Seelenvermögen, Emp⸗
findungen, Vorstellungen war nichts als eine grobe und noch
halb phantastische Abstraktion aus der Wirklichkeit des neuen
Seelenlebens. Sie konnte auf die Dauer nicht genüugen. In
der Tat beginnt sich im Verlaufe der siebziger Jahre immer
dringlicher der Wunsch nach ihrer tieferen Begründung zu
äußern.
.So fordert Herder selbst, wenn auch mehr nebenher, in
seiner Schrift ‚Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen
Seele“ (1778) zunächst eine eingehende Individualpsychologie,