Object: Die Lage der Landwirtschaft in Ostpreussen

60 — 
zur Verfügung. Diese haben für die Landschaft einen Übernahmekurswert von 
98 %. Nach dem heutigen Stand des Kapitalmarktes ist es jedoch unwahrschein- 
lich, daß dieser Kurs bis zum 1. April 1930 wieder erreicht wird. Die Ost- 
preußische Generallandschaftsdirektion rechnet daher in einem dem Unterausschuß 
erstatteten Bericht bereits heute mit der Möglichkeit eines Kursverlustes von 
51% Mill. RM. Die Landschaft ist aus eigenen Kräften nicht in der Lage, diesen 
Betrag aufzubringen, und regt deswegen an, ihr diesen Betrag als Subvention seitens 
des Staates zur Verfügung zu stellen. „Ohne eine solche Hilfe würde für die Land- 
schaft ein Verlust erwachsen, der dann nur durch die ostpreußische Landwirtschaft 
aunfgeholt werden könnte, und es würde damit ein Ergebnis geschaffen, das ja in 
entgegengesetzter Richtung aller Hilfsmaßnahmen läge.“ 
Ob auch ‚die übrigen ostpreußischen Realkreditinstitute in der Lage sein 
werden, die am 1. Juli 1929 fällige Golddiskontrate aus eigenen Mitteln auf- 
zubringen, erscheint zweifelhaft. Die Möglichkeit, daß die beliehenen Landwirte 
selbst aus Wirtschaftsüberschüssen die fälligen Beträge abdecken, muß nach Lage 
der, Dinge als Ausnahmefall gelten. Es kommen somit zu den 6,5 Mill. RM. 
fälliger Golddiskontbankgelder, die die Ostpreußische Landschaft weitergeleitet 
hat, noch 4,1 Mill. RM. hinzu, die von der Landesbank untergebracht wurden, 
ferner 1,2 Mill. RM., die auf die Girozentrale entfallen und schätzungsweise 
1 Mill. RM., die durch außerostpreußische Hypothekenbanken der Provinz zugeführt 
worden sind. Das sind im ganzen rund 13 Mill. RM. Ob es gelingt, mit Hilfe von 
Pfandbriefkrediten diese Summe vollständig flüssig zu machen, erscheint fraglich. 
Wo aber eine Ablösung durch Pfandbriefe erfolgen könnte, würde die Belastung er- 
heblich höher sein als die, welche die zurückzuzahlende Golddiskontrate bisher den 
Schuldnern auferlegt hatte. Es würde heute nur eine Neuverschuldung auf Basis 
3%iger Pfandbriefe in Frage kommen, die für den Landwirt eine Belastung von 
rund 10 % des erhaltenen Kanitals bedeuten würde. 
d) Ursachen der Verschuldung. 
Die Ursachen, welche in Ostpreußen zu dem lawinengleichen Anwachsen 
der landwirtschaftlichen Verschuldung geführt haben, sind in der Hauptsache die 
gleichen, die auch im übrigen Deutschland bei einem großen Teil der landwirt- 
echaftlichen Betriebe in wenigen Jahren eine kaum tragbare Schuldenlast haben 
anwachsen lassen. Der Unterausschuß für Landwirtschaft wird sich mit diesen 
allgemeinen Ursachen der landwirtschaftlichen Verschuldung an anderer Stelle 
aingehend beschäftigen. Hier kann auf diese Frage nur so weit eingegangen werden, 
wie es notwendig ist, um einen Einblick in die Besonderheiten zu gewinnen, 
lie die wirtschaftliche Lage der Landwirtschaft in Ostpreußen so gefahrdrohend 
gestaltet haben. 
Wie in dem Vorbericht über die Verschuldungsverhältnisse der deutschen 
Landwirtschaft bereits ausgeführt wurde, ist die Lage wesentlich durch die sehr 
starken Unterschiede gekennzeichnet, die in der Verschuldung von 
Betrieb zu Betrieb und von Wirtschaftsgebiet zu Wirtschaftsgebiet bestehen. Ein 
Urteil über diese Ursachen der Verschuldung kann daher nur dann richtig und 
zufschlußreich sein, wenn es einmal die allgemeinen Gründe, welche die 
wirtschaftliche Lage der landwirtschaftlichen Betriebe in den letzten Jahren 
bedroht haben und zu Verschuldungsursachen geworden sind, aufzeigt, darüber 
hinaus aber auch die differenzierenden Momente berücksichtigt, welche 
dahin geführt haben, daß einmal innerhalb des gleichen Gebiets niedrig verschuldete 
und hochverschuldete Betriebe nebeneinander stehen, weiter aber auch‘ von Wirt-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.