Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
von der Empfindung wesentlich verschiedene Bedeutung, da sie 
ordnende Formen der Empfindung sind. 
Aber neben den reinen Anschauungsformen hat unsere 
Seele nach Kant auch noch reine Begriffsformen. Diese 
doppelte Ausstattung erklärt sich bei Kant, der in diesem 
Punkte unmittelbar in der zeitgenössischen Psychologie wurzelt, 
aus dem Charakter unseres Seelenlebens. Dies nimmt näm— 
lich einmal Vorstellungen in sich auf, indem es von außen 
her irgendwie affiziert wird, ist also anschauend rezeptiv; 
anderseits aber bringt es auch aus sich, den Wahrnehmungs— 
stoff bearbeitend, selbsttätig Vorstellungen hervor, indem es 
denkend verschiedene Vorstellungen einer gemeinschaftlichen 
unterordnet. 
Der Rationalismus hatte freilich im Grunde als spontane 
Geisteskraft nur den Verstand anerkannt: sinnliche Anschauung 
war ihm eine an Klarheit und Deutlichkeit zurückstehende 
Funktion des Verstandes gewesen. Der Sensualismus dagegen 
hatte seit Locke nur eine rezeptive Sinnlichkeit anerkannt; ihm 
war Verstandestätigkeit nur eine höhere Ausbildung finnlicher 
Eindrücke. Kaut nimmt ihnen gegenüber zwei selbständige 
Quellen unserer Erkenntnis an: Sinnlichkeit und Verstand; diese 
gibt die Gegenstände, jener denkt und verbindet sie. Damit 
beseitigt Kant die Wolffsche Hierarchie der oberen und unteren 
Erkenntnisvermögen. Nach ihm sind beide Erkenntnisvermögen 
Wolffs vielmehr koordinierte Teile der menschlichen Vernunft; 
sie müssen zusammenwirken, um Erkenntnis zustande zu bringen. 
„Die quantitative Differenz der mehr oder minder großen 
Klarheit wird durch eine prinzipielle Trennung ersetzt. Die 
Sinnlichkeit macht aus den Eindrücken Erscheinungen, der 
Verstand aus den Erscheinungen Erfahrungen.“ 
Indem aber der Verstand aus den Erscheinungen Er— 
fahrungen macht, spricht er Urteile aus. Daher versteht es 
sich, daß man die reinen Begriffsformen, die Stammbegriffe 
oder, wie Kant sie auch nennt, die Kategorien — die zweite 
Dessoir 12, 320.
	        
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