Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
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wissenschaftlichem Gebiete, dort in den kühnerschauten Reichen 
einer Geschichte des Geistes. Und lehrte nicht am Ende auch 
Kant, daß die menschlichen Kenntnisse weder aus bloßer Speku⸗ 
lation entsprängen, noch aus bloßer Erfahrung, sondern durch 
eine organische Wechselwirkung des Objektiven mit dem Sub— 
jekt? Vor allem auf den mehr greifbaren Gebieten der Natur⸗ 
wissenschaft erschien der damit bezeichnete Weg gangbar. Da 
mochte wohl eine besonders hohe Erregungsfähigkeit des Ge⸗— 
mütes, wie sie als dauernder Zustand und gleichsam quietistisch 
eintreten konnte, dazu führen, daß hervorragende Geister sozu—⸗ 
— DDD ihnen 
die Schranken zu fallen schienen, die sie von dem Gegenstande 
hrer Wahrnehmung trennten. Konnte sich dann, in einem 
solchen Falle, nicht dauernd ein Gefühl der Naturnähe bilden, 
aus dem heraus sich die Rätsel der Erscheinungswelt auf intui— 
tivem Wege zu lösen schienen, unter dessen Einflusse hinter 
dem bunten Mantel der sichtbaren Wirklichkeit das feste Ge⸗ 
füge, ja das Skelett hervorzutreten schien, das es zusammen⸗ 
hält: wo in der Natur zwar noch nicht der Schöpfer, wohl 
aber die Urphänomene, die mit allen künftigen Formen 
schwangeren Urerscheinungen sich enthüllten? 
Goethe vor allem rang sich aus Empfindsamkeit und 
Sturm und Drang zu dieser stillsten und feinsten aller bisher 
von Deutschen erlebten Mystiken empor: eben auf ihr beruht 
seine Betrachtung der Natur und, wir werden es bald sehen, 
auch des Geistes. Dabei war er sich, mindestens im höheren 
Alter, dieser Grundlage seines Erkennens wohl bewußt. Und 
eben in ihr fand er die Einheit seiner Natur als Forscher 
und Dichter. „Wenn der Knabe zu begreifen anfängt,“ heißt 
es in einem seiner Sprüche in Prosa, „daß einem sichtbaren 
Punkte ein unsichtbarer vorhergehen müsse, daß der nächste 
Weg zwischen zwei Punkten schon als Linie gedacht werde, 
ehe sie mit dem Bleistift aufs Papier gezogen wird, so fühlt 
er einen gewissen Stolz, ein Behagen. Und nicht mit Un— 
recht, denn ihm ist die Quelle alles Denkens aufgeschlossen, 
Idee und Verwirklichtes, potentia et actus, ist ihm klar ge⸗
	        
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