100 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
wesens noch in absolutistischer Zeit in Aussicht stellten? Hier—
gegen hat sich nun der freie Geist der Universitäten in stän—
digen Gegenwirkungen geltend gemacht; und die öffentliche
Meinung nahm das Thema schon früh eben in diesem Sinne
auf. Man argwöhnte, der Staat wolle auf dem Felde des
Bildungswesens das „Monopol“, den „Alleinhandel“ an sich
reißen; etwas wie eine „Erziehungsinquisition“ sah man bevor—
stehen. Wie früher die Kirche, hieß es, so wolle jetzt der
Staat mit der Leitung des Schulwesens überhaupt selbst⸗
süchtige, dem Gemeinwohl widersprechende Zwecke erreichen.
Schon die Philanthropinisten haben sich, gelegentlich der Er—
richtung des braunschweigischen Schuldirektoriums, gegen diese
Vorwürfe verteidigen müssen; später sind sie, nicht ohne Er—
folg, wiederholt worden. Die Universitäten aber siegten in
diesem Widerstreit durch die selbständige und freie Aus—
bildung, welche sie dem frisch emporkommenden Stande der
Gymnasiallehrer gaben: eben in dieser Schöpfung haben sie die
Kulturentwicklung des 19. Jahrhunderts frei gemacht und den
Staat auf längere Zeit hin überwunden.
Sollte indes dieser ganze Aufbau des mittleren und
höheren Unterrichts als das wichtigste und früheste Verfassungs—
werk des neuen Zeitalters dauernd Bestand erhalten, so bedurfte
es einer noch breiteren Fundamentierung der subjektivistischen
Bildung überhaupt in die untersten Kreise der Nation hinein:
es bedurfte der Gründung der modernen Volksschule. Und
alle großen Tendenzen der Zeit mußten in ihrer Bildung wie in
einer stark reduzierten Enzyklopädie gleichsam der gesamten
Kultur ihren Ausdruck finden.
Fürwahr, ein schweres Werk! Aber das Ende des Jahr—
hunderts sah in Pestalozzi den Meister, der des Geheimnisses
Herr ward.
Die Volksschule des 18. Jahrhunderts hatte vor allem
daran gelitten, daß für sie noch weniger, wie für die Mittel—
schule, ein festes Lehrpersonal vorhanden war. Waren an den
Mittelschulen der Regel nach Theologen, die sich zumeist
kürzere Zeit vor Antritt einer kirchlichen Stelle dem Lehr—