Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 108
maße die Institutionen baut, sondern das mächtige Wehen
und Eindringen eines völlig neuen Geistes, so ist er um diese
Zeit in der Geschichte des so einfachen und darum für
elementare Erkenntnis historischer Zusammenhänge besonders
lehrreichen Organismus der Volksschule erbracht worden.
Pestalozzi (1746— 1827) war kein großer Organisator im
gewöhnlichen Sinne des Wortes; seine Schulen, soweit er
deren gründete, sind mehr durch sein besonderes Wesen, das
beständig Liebe ausstrahlte, zusammengehalten worden, als
durch kluge Berechnung und Anwendung ihrer inneren einigen⸗
den Kräfte. Und noch weniger war er ein Finanzier; welt⸗
abgeschieden im Grunde, unpraktisch, ein Kind Gottes, nicht
der Welt hat er gelebt. Dabei hatte er gewisse Beziehungen
zur Empfindsamkeit, die nie ganz abstarben: „insonderheit war
mir das gefühlvolle Ergriffenwerden von den Erkenntnisgegen—
ständen immer wichtiger als das praktische Einüben der Mittel
ihrer Ausübung“, hat er von der Zeit seiner Jugendlehrjahre
erzählt. Doch ging er in der eigentlichen Empfindsamkeit so
wenig auf, wie in Sturm und Drang; ein Träumer auf
eigene Rechnung, passierte er sie als Zeitstadien, die sein
Empfinden und Denken, das freilich an sich schon ganz dem
Subjektivismus angehörte, nur färbten, nicht aber innerlich
zu durchdringen geeignet waren. Und nach Jahren eines
unpraktischen, unsicher suchenden, im ganzen aber quietistischen
Enthusiasmus erst fand er, in tausend Liebestaten an den
Armen seines Volkes selbst arm geworden, etwa um die Zeit,
da die deutsche Kultur der Klärung des Klassizismus entgegen⸗
ging, auch seinerseits in leiser Ruhe vollends die eigentliche
Bestimmung seines Lebens. „Befriedigung unseres Wesens in
seinem Innersten, reine Kraft unserer Natur, der Segen
unseres Daseins, du bist kein Traum“, heißt es in seinen 1780
erschienenen „Aphoristischen Abendstunden eines Einsiedlers“.
„Dich zu suchen und nach dir zu forschen ist Ziel und Be—
stimmung der Menschheit — .. .. Individualbestimmung
des Menschen, du bist das Buch der Natur. In dir liegt
die Kraft und die Ordnung dieser weisen Führerin; und jede