104 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Schulbildung, die nicht auf die Grundlage der Menschenbildung
gebaut ist, führt irre.“
In der langen Bedenkzeit von zwei Jahrzehnten aber
bis zum Schlusse des Jahrhunderts lernte Pestalozzi der
liebende Führer auch der Massen zunächst seines Schweizer⸗
volkes zu höherer menschlicher Bildung zu werden. Als er
im Zahre 1801 seine Schrift „Wie Gertrud ihre Kinder
lehrt“ herausgab, wie sie die Erziehungsideen seines früheren
Buches von „Lienhard und Gertrud“ (1781) in gereifterer
Form vorträgt, als er mit dem Beginne des Jahrhunderts
die mit einem Lehrerseminar verbundene Erziehungsanstalt im
Schlosse zu Burgdorf übernahm, die er, vornehmlich nach
ihrer Verlegung nach Iferten (Yverdon), durch drei Jahr—
fünfte zu einer höheren Bedeutung hob, so daß sie sich fast zu
einem Seminar der europäischen Volkslehrerweisheit überhaupt
rerweiterte, da stand er auf der Höhe seines Wirkens.
Dies Wirken aber blieb auch jetzt im Grunde ein an die
Person gebundenes. Die Schriften Pestalozzis, reich an Ge—
danken im einzelnen, lehren doch keine eigentlich geschlossene
pädagogische Methode. Dem Meister eignete aus seiner
ganzen Veranlagung wie aus den Jahren des Frühsubjektivismus
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groß war er nur in seiner Liebe zu den Kleinen und in liebevoll
gehandhabter persönlich-pädagogischer Kunst. Um so mehr aber
wirkten die einfachen Linien dieses Lebens, und sie wirkten
im Sinn eines neuen ganz abgeklärten, in langem Kampfe
um Ideale erprobten Subjektivismus.
Da bestand denn für Pestalozzi zunächst kein Zweifel: alle
Erziehung kann nichts sein als das Veredeln des Besonderen
und insofern Naturgemäßen jeder einzelnen Kindespersönlichkeit:
in diesem Sinne hat er gesagt, die Idee der Elementarbildung
sei nichts anderes als die Idee der Naturgemäßheit. Diese
Naturgemäßheit aber fordert nach ihm — entsprechend der Vor—
stellung der neuen Zeit vom Menschen — eine harmonische Ent—
faltung und Ausbildung der Anlagen des Herzens, des Geistes
and der menschlichen Kunstkraft zugleich.