Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

152 J Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
Königs, sondern mußte, von Ästerreich schlecht unterstützt, 
die Defensive suchen, statt auf Paris vorzurücken. In dieser 
Lage kam es, am 20. September, zu der ergebnislosen Kanonade 
von Valmy, da der Herzog den ihm gegenüberstehenden Keller— 
mann nicht anzugreifen wagte; und gegen Ende des Monats 
blieb schließlich nichts übrig, als die Champagne zu räumen. 
Nach diesen wenig erfreulichen Anfängen wurde der Krieg 
mit wechselndem Glücke weitergeführt, bot aber den Franzosen 
je länger je mehr Vorteile. Denn eben in ihm bildeten sich 
nun die Heere der Republik und ihre Führer aus. Und mit 
ihnen entwickelte sich eine ganz neue Strategie, bald auch eine 
neue Taktik sowie ein neuer, den Massen vertrauender Geist 
der militärischen Leitung. Ihm gegenüber hatte sich schon bei 
der Kanonade von Valmy die Heerführung der legitimen 
Mächte als unterlegen gezeigt; spätere Gefechte und Schlachten 
ließen noch mehr und für die Mächte gefahrvoller den Unter— 
schied erkennen. Es war im Grunde die fundamentale Differenz 
zwischen dem Soldheere individualistischer und dem Volksheere 
subjektivistischer Zeiten: dort nur durch äußere Disziplin 
zusammengehaltene, in sich keineswegs homogene, geschweige 
denn von einem großen Ideale durchdrungene Truppenkörper, 
hier Massen, die viel eher ein Gedanke, ein Ziel, eine Be— 
geisterung aneinander band: Motive und Eigenschaften, welche 
dem Einzelnen zugleich eine beträchtliche Freiheit des äußeren 
Verhaltens zu gunsten eines gemeinsamen Erfolges gestatteten. 
Schon im Herbste 1792 erschienen die ersten Revolutions— 
heere am Rhein; am 21. Oktober fiel Mainz, das militärische 
Zentrum des Landes, in ihre Hand; am 15. Dezember beschloß 
der Pariser Nationalkonvent, daß allen deutschen Gebieten 
links des Rheins die Errungenschaften der Revolution zuteil 
werden sollten; nicht minder wurde nun auch Belgien ein—⸗ 
genommen. Es war der Beginn der Propaganda der Republik 
am Rheine. Nirgends leistete dabei die Bevölkerung dem Ein— 
dringen der neuen Ideen, der Umwandlung der Gesetze des 
wirtschaftlichen und sozialen Lebens energischen Widerstand; im 
Grunde war man reif für sie und hielt weniger darauf, daß
	        
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