Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Sprengung des alten Reiches und der alten Staatsverhältnisse. 198 
lebte in der preußischen Armee doch noch einmal der alte 
aggressive Geist der friderizianischen Tage auf, und so sehr 
man in manchen Offizierskreisen leichtsinnig dem Kampfe ent— 
gegenjubelte und so pedantisch man ihn in anderen nach den 
Regeln einer erstorbenen Kriegskunst vorbereitete: man beschloß 
doch, Napoleon angriffsweise entgegenzugehen. Und so brach 
denn das Heer unter der Führung des alten Herzogs von 
Braunschweig auf; durch Thüringen wollte es Süddeutschland 
gewinnen. 
Freilich: es war kein Volksauszug. Selbst in Preußen 
nicht, geschweige denn in der Nation zeigte sich ein Verständnis 
für den Ernst des Kampfes; wie von fremden Ereignissen jen⸗— 
seits der Grenzen, in dem kühl referierenden Tone des Un— 
beteiligten, berichtet die gleichzeitige Presse. Was Wunder, 
daß unter diesen Umständen auch die Armee nicht energisch 
vorwärts gelangte. Noch weit nördlich der Höhenwege des 
Thüringer Waldgebirges wurde sie von Napoleon erfaßt und 
in einem einzigen furchtbaren Anprall besiegt. 
Napoleon hatte wie in der auswärtigen Diplomatie so 
auch in der Behandlung der innerdeutschen und der mili⸗ 
tärischen Dinge den Feldzug sorgfältiger als manchen anderen 
vorbereitet. Er sah in der Besiegung Preußens gleichsam das 
Meisterstück seines Lebens und seiner Absichten. Denn hier 
stand Militärmonarchie gegen Militärmonarchie; es war der 
Kriegerstaat Friedrichs des Großen, den es zu töten galt. Darum 
nahte der Kaiser den deutschen Fürsten mit allen Uneinigkeits⸗ 
lockungen der alten französischen Politik, wenn auch in neuen 
Formeln: wo früher von der Libertät der Reichsstände ge— 
sprochen worden war, da wurde jetzt von der Unabhängigkeit 
europäischer Souveräne geredet; und im Hintergrunde lauerten 
funkelnde Versprechen neuer Würdezeichen und Titel. Selbst— 
verständlich war dabei, um jedermann zu gewinnen, auch 
das Schicksal der Nation nicht vergessen: ihre Einheit und 
Größe sollte durch Teilung in legitime Herrschaften gesichert 
werden. 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. IX.
	        
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