198 Dreiundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Mit Preußen als Basis seiner Operationen, mit einem Heere
von mehr als 800 000 Mann hat Napoleon den neuen Feldzug zu—
nächft gegen die Russen geführt. Es kam zu den blutigen Schlachten
bei Zarnowo, Nasielsk, Golymin und Pultusk im Dezember 1806;
die Franzosen mußten nach Neuostpreußen zurückweichen. Und
nun folgte zwischen Franzosen, Russen und Preußen am 7.
und 8. Februar 1807 die Schlacht von Preußisch-Eylau, die
unentschieden blieb trotz aller Tapferkeit des kleinen preußischen
Korps, das unter L'Estocq an ihr teilnahm. Immerhin aber
fühlte sich Napoleon, zum ersten Male fast in seiner mili—
tärischen Laufbahn, so geschwächt, daß er den Kampf nicht
fortsetzte, sondern, nach einem vergebenen Versuche, Preußen
heimtückisch auf seine Seite zu ziehen, Winterquartiere bezog.
Es war eine bei aller Hoffnung auf eine baldige Wandlung
der Dinge für König Friedrich Wilhelm III. wie für seine
tapfere Gemahlin, die Königin Luise, überaus traurige Zeit.
In seinen eigenen Staaten sah sich der König fast auf Memel
beschränkt. Durfte er auch ferner auf die Hilfe Rußlands
hoffen? Kannte er schon ganz den wetterwendischen Sinn des
Zaren? Mit England hatte er am 28. Januar unter Drein—
gabe aller Ansprüche auf Hannover Friede geschlossen. Aber
er bedurfte englischer Subsidien, um ein Heer zu formieren
und zu erhalten. Auch mit Österreich verhandelte er seit
längerer Zeit. Und Graf Stadion, damals der weitschauende
Lenker der österreichischen Politik, war wohl geneigt, im ersten
günstigen Augenblicke mit ihm gegen Napoleon vorzugehen. Aber
waren die gewundenen Gänge der preußischen Politik im letzten
Jahrfünft, ja Jahrzehnt geeignet, in England Unterstützungs⸗
stimmung, in Osterreich Vertrauen hervorzurufen? Als einziger
Lichtblick ergab sich die Beobachtung, daß das Volk in Preußen
leise anfing, männlicher zu fühlen. Es fehlte nicht an
mancherlei populären Beweisen monarchischer Anhänglichkeit,
und selbst unter den hohen Offizieren schien ein anderer Geist
Platz zu greifen; hier wirkte die tapfere Verteidigung Danzigs
durch Kalckreuth, das erst am 27. Mai 1807 in die Hände
Lefebvres fiel.