Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 7 
aber dabei eine Individuensumme in dem gemeinten Sinne 
nur kraft einer Fiktion als eine wirkliche Einheit gesetzt 
werden konnte, so kam von den beiden Alternativen im 
Grunde nur die erste in Betracht. Das aber hieß Ein— 
verleibung des Staates in den Herrscher. Gegenüber dieser 
Auffassung hatte nun die jungsubjektivistische Zeit ihre gänz⸗ 
lich anders geartete Anschauung auszubauen und zur Geltung 
zu bringen. Und da war im Grunde das erste, daß aus der 
Tatsache, daß die Menschen nicht mehr als mechanisch und 
soliert, sondern als untereinander verbunden und organisierbar 
angesehen wurden, wieder ein anschaulicher und lebendiger 
Begriff der Gesellschaft gewonnen werden mußte. Geschah 
dies, so ergab sich der Staat sehr leicht und einfach als oberste 
Gesellschaftsform, als die Gesellschaft, die alle anderen Gesell⸗ 
schaften und alle Individuen in sich schließt: als ein Ganzes 
tätiger Kräfte und insofern als eine Persönlichkeit, ein Orga— 
nismus. Und hieraus mußte dann alsbald eine ganz andere 
Frage als die nach der Souveränität, die während des indi⸗ 
oidualistischen Zeitalters im Mittelpunkte aller Erörterungen 
gestanden hatte, für die Staatsauffassung von zentraler Be— 
deutung werden: nämlich die nach der gegenseitigen Abgrenzung 
der innerhalb des Staatslebens verlaufenden Kräftekomplexe 
der Genossenschaften wie der Individuen. Demgemäß sind 
die Anfänge der neuen subjektivistischen Staatslehre da zu 
suchen, wo diese Probleme zuerst aufgeworfen und gefördert 
wurden. 
Von diesem Gesichtspunkte her ergibt nun eine Sondierung 
der Tatsachen, daß die deutsche Wissenschaft diese Probleme wohl 
gesehen und auch anfangs behandelt hat; bei Wolff z. B. finden 
sich entsprechende Ausführungen, und Spuren führen ständig 
weiter bis auf Wilhelm von Humboldt und desfen „Ideen zu 
einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu 
bestimmen“. Allein daß die hier auftauchenden Fragen in der 
Diskussion und Ideenbildung alsbald eine Mittelpunktsstellung 
eingenommen hätten oder daß sie gar in ihren Konsequenzen, 
wie der Frage nach irgendeiner womöglich bereits subjektivistisch
	        
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