Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

282 Dreiundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
den Staat Preußen geknüpft ist; und die Befreiungskriege 
waren die erste Bewährungszeit, waren das Heldenzeitalter zu— 
zgleich des zu befreienden Bauerntums. 
III. 
Das Mittelalter ist überall die Periode einer zerstreuten 
Kultur gewesen. Wer heute vom Verkehr minder beguünstigte 
Gegenden durchstreift, sei es auf deutschem oder auf fremdem 
Boden hoher Kultur, der wird erstaunt sein über die immer noch 
sichtbaren dispersiven Wirkungen mittelalterlichen Lebens: an 
Stellen, da es modernes Auge und moderner Sinn kaum 
erwarten, tauchen ehemals blühende Klöster, einst hoch ragende 
Burgen auf, fesseln noch heute wohlerhaltene Kathedralen und 
Schlösser den Blick. Freilich: was nicht niet- und nagelfest 
war an mittelalterlichen Kulturen, Handschriften, Urkunden, 
Malereien, Standbilder, das hat der Regel nach eine neuere 
Zeit zum Zeichen ihres zentralisierenden Charakters an wenige 
Stellen, Archive, Museen, zusammengetragen. 
So war natürlich auch die agrarische Kultur des Mittel— 
alters dispersiv; eng dem Partikularen, dem Gegebenen der Land⸗ 
schaft und der Geschichte angeschmiegt, hat sie sich darum in 
tausend Eigenformen entwickelt. 
Zugleich aber war diese Kultur höchst kontinuierlich und 
insofern, wenn man es so ausdrücken will, konservativ. Wie 
viel Jahrhunderte hat sie nicht auch nur mit ihrer Blütezeit 
umspannt. Denn agrarischen Charakters war sie mit dem 
Umtriebe von Saat und Gewinn der Natur eingeschrieben; 
nur einmal im Jahre trat daher mit Frühling und Herbst die 
wirtschaftliche Revolution ein, um sich im Winter zu voll⸗ 
enden: es war ein nach unseren Begriffen überaus langsamer 
Erneuerungs- und Vervollkommnungsprozeß des Wirtschafts⸗ 
lebens, und so mußte er Jahrhunderte währen, ehe er sich in 
sich zu Höherem vollendete und die Nation Ersparnisse anhäufen 
ließ, deren Verwendung über ihn hinweg hinüberführte in 
geldwirtschaftliche Zeiten.
	        
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