306 Dreiundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
höchst wandlungsfähig, Impulsen zugänglich, aktuell; und der
Zusammenhang ihres Selbstbewußtseins wird nicht so sehr durch
die Beharrlichkeit ihres inneren Seins, wie aus der Stetigkeit
seiner Veränderungen gewonnen.
Sind dies aber unverkennbare Zusammenhänge, so be—
greift sich, daß mit der Genesis der subjektivistischen Persön—
lichkeit doch alsbald auch erste leise Regungen, unbewußte
zarteste Instinkte gleichsam subjektivistischen Staatsbewußtseins
gegeben sein mußten.
In der Tat war dies der Fall. Aber wie nebelhaft und
page, wie unzusammenhängend und nur Einzelheiten, Zipfel
zleichsam eines kunftigen subjektivistischen Staatsbewußtseins
erfassend, treten sie anfangs auf! So bei Abbt um 1760,
oornehmlich in seiner Schrift von der Liebe zum Vaterland;
so in den siebziger Jahren bei Friedrich dem Großen selbst,
diesem theoretischen Propheten des subjektivistischen Staates in
mehr als einer Hinsicht, z. B. in den „Lettres sur l'amour de la
Patrie“. Und während sie sich einerseits unter dem Einflusse
des Klassizismus zu der Lehre eines Wilhelm von Humboldt
verdichten, in der doch noch das Subjekt des Einzelnen eine
zu große Rolle spielt, um ein wirk, ames Staatsleben zuzulassen
— während damit erste radikale Anfänge späterer Staatsauf—⸗
fassungen des Liberalismus einsetzen —: bildet sich anderer—
seits seit den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts lind und
leise ein anderer Kristallisationspunkt subjektivistischer Staats⸗
anschauung in dem Begriffe des Organismus, dessen Ent—
wicklung namentlich den romantischen Kreisen angehört, und
aus dem später in mannigfachen Wandlungen vornehmlich
konservative Staatsanschauungen hervorgegangen sind. Es wird
später von diesen Anfängen, die sich bald geradezu zu einer
Organismusphilosophie verdichteten, noch mehr die Rede sein?;
hier ist nur die Frage, ob sie in der Zeit der Reform, vor⸗
nehmlich in den Zahren zwischen 1800 und 1812, schon so
S. oben S. 116 ff.
2Val. im zehnten Band Kapitel IV.