318 Dreiundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
ständische Verfassung vorläufig zu lassen. Sie hat in Westfalen
das Zutrauen der Eingesessenen, und durch sie erhält die
Landesverwaltung ein Mittel, den Eingesessenen mit dem Geist
und den Absichten ihrer Maßregeln bekannt zu machen; ein
Mittel, sich die Kenntnisse und Erfahrungen der großen Guts—
besitzer, der nicht in Diensten und nicht bei den oberen Kolle—
gien stehenden Geschäftsleute zu eigen zu machen und zu be—
nutzen; ein Mittel, das Publikum immer in Verbindung mit
der Landesadministration selbst zu erhalten. Der Deutsche und
insbesondere der Westfälinger ist ganz zu einer solchen Ver—
fassung geeignet; er hat die zur Behandlung der Geschäfte in
öffentlicher Versammlung nötige Ruhe, Ordnungsliebe, Anhäng⸗
lichkeit an Formen und Herkommen.“
Aber freilich dachte Stein dabei nicht an die Erhaltung
der alten Stände als solcher. Was ihm vorschwebte, war viel⸗
mehr ein im Grunde gänzlich neues Ständewesen, das nicht
auf der privilegierten Teilnahme gewisser Geschlechter und In⸗
stitute an den Ständen von altersher, sondern auf der Ver—
tretung der wichtigsten Berufsstände der Gegenwart und der
in Bildung begriffenen der Zukunft beruhen sollte. Keine Re⸗
präsentanz nach der Kopfzahl also, ein ganz individualistischer
Gedanke, sondern eine Repräsentanz nach der spezifischen Be—
deutung der Vertretenen innerhalb der staatlichen, und im
höheren Sinne innerhalb der nationalen Organisation: dieser
echt subjektivistische Gedanke, dessen klare Verwirklichung noch
heute eins der wichtigsten Probleme des Staatslebens bildet,
setzte das Nachdenken und die Organisationskraft Steins in
Bewegung. Da ließ er denn keinerlei Stammbäume und
Pfründen gelten; der Großgrundbesitz vielmehr, gleichviel in
wessen Händen, und der geistliche Stand durch seine wichtigsten
Mitglieder sollten vertreten sein; dazu Burger und Bauern,
Hand⸗- und Kopfarbeiter, Bewohner der Stadt und Bewohner
des Landes. In den Einzelheiten der Abgrenzung der zu Ver⸗
tretenden hat dann Stein freilich oft geschwankt; sehr begreif⸗
lich bei den starken Wandlungen der sozialen Schichtung und
noch mehr dem Wechsel ihrer sozialen Einschätzung in den