394 Dreiundzwanzigsies Buch. Viertes Kapitel.
für Osterreich ein wesentlicher Anlaß gewesen, Bündnis—
anerbietungen Napoleons gegen Rußland zu folgen. Am
14. März 1812 war es daraufhin zu einem Vertrage ge⸗
kommen, in dem sich beide Mächte ihren Besitzstand sowie den
Besitzstand der Türkei gewährleisteten. Außerdem sollte Oster⸗
reich Napoleon ein Hilfskorbs zum Kampfe gegen Rußland
stellen und erhielt dafür, im Falle der Wiedererrichtung eines
Königreichs Polen, die Aussicht auf Galizien, an dessen Stelle
indes, wenn Galizien zu Polen geschlagen werden sollte, jetzt
noch in der Hand Napoleons befindliche illyrische Provinzen
treten sollten. Es war im Grunde ein glimpflicher Vertrag,
zumal sich das Hilfskorps auf nur 30000 Mann und 60 Ge⸗
schütze belaufen sollte und Metternich es später fertig bekam,
dies Korps so wenig in Aktion treten zu lassen, daß dadurch
sogar ein leidliches Verhältnis zu Rußland erhalten blieb.
Der ganze Vertrag bedeutete daher eigentlich mehr eine Aus—
schaltung Osterreichs aus dem großen Kampfe als eine Be—
teiligung: die Schiedsgerichtsstellung des Reiches zwischen und
womöglich über den europäischen Mächten, die Metternich
später anstrebte, wurde damit vorbereitet. Aber die geschaffene
Lage sprach an sich doch zunächst noch immer weit mehr zu—
gunsten Napoleons als des Zaren.
Mit dem Zaren aber waren, während die deutsche
Fürstenwelt so gegen ihn stand, deutsche Vaterlandsliebe und
deutsches Heldentum. Welch rührender Anblick, die besten der
deutschen Patrioten nun, da ihr Vaterland ihnen zu eng zu
werden begann, einhellig dem Manne und dem Volke zuwandern
zu sehen, von dem sie ein letztes Heil erwarteten. Ihr geistiger
Führer aber war und wurde von Tag zu Tag mehr der
Freiherr vom Stein. Er wußte mit seiner Unbeugsamkeit und
seinem Stolze die weiche und wetterwendische Seele des Zaren
zu gewinnen; bald konnte er, der einzelne Mann, als eine
Macht für sich gelten im Bereiche der politischen Kräfte der
europäischen Völker. Und wir begreifen diese eigenartige
Wendung der Dinge, die den Zaren schließlich in den Kreis
der deutschen vaterländischen Interessen bannte, wenn wir uns