Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 31 
vielmehr: weil die soziale Entwicklung äußerst zersplittert in 
tausend Autonomien verlaufen war, war sie nicht fähig ge⸗— 
wesen, auf die obersten Kreise der politischen Gewalt stetig 
und organisiert einzuwirken, und so hatte in dieser Zeit der 
Treueid der Lehnsverfassung den einzelnen Untertan individuell 
an die Krone gebunden, ohne daß zu seiner Sicherung vor 
dieser Krone irgendwelche wahrhaft starke Organe aus dem 
Lehnswesen heraus geschaffen gewesen wären; und erst die 
Übergangsstaaten zur Neuzeit, die Territorien, erschienen in 
den Ständen mit solchen, übrigens vom Standpunkte dieser 
Betrachtungsweise aus gesehen auch noch unvollkommenen 
Organen ausgestattet. 
Es war ein Zusammenhang, an den die Entwicklung der 
absoluten Monarchie anknüpfen konnte, wenn sie, zugleich einem 
tiefsten Zuge des individualistischen Zeitalters entsprechend, das 
Verhältnis der regierenden Gewalt zum Volke ohne jede Be— 
rücksichtigung eines etwaigen Einflusses der sich abwandelnden 
sozialen Entwicklung rein als das des Monarchen zu jedem 
einzelnen Untertan auffaßte. Denn das war das Charakte⸗ 
ristische jeder Staatstheorie des 16. bis 18. Jahrhunderts wie 
jeder Regierungspraxis derselben Zeiten. Es bedeutete natur— 
lich die Verpersönlichung, die Individualisierung des Staats⸗ 
wesens auf den Herrscher, und somit, nach der Anschauung 
unserer Zeit, Unfähigkeit zu eigentlicher Verfassungsbildung: 
in der Tat hat es ja nicht einmal die besondere neue Form 
des Christentums dieser Zeit wenigstens in ihrer speziell 
deutschen Ausbildung, im Luthertum, zu einer eigentlichen Ver⸗ 
fassungsbildung gebracht. 
Stellen wir uns aber auf den Standpunkt der zweiten 
Hälfte des 18. Jahrhunderts, so ergab sich aus alledem eine 
große Freiheit der aufgeklärten Monarchie, der von ferne 
heranbrausenden neuen Entwicklung des Subjektivismus ent⸗ 
gegenzukommen. Sie konnte, so schien es, allen seinen 
geistigen Forderungen gerecht werden, sie konnte sogar seine 
primitiven altruistischen Neigungen aufnehmen: sie konnte ihm 
folgen auf den Gebieten der Pflege der Kunst und des
	        
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