Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

180 Dreiundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
IV. 
Während aber so der Wiener Kongreß seinem Ende ent⸗ 
gegenging und in ihm, äußerlich anscheinend harmlos genug, 
die Restauration wenn auch keineswegs der alten staatlichen 
Gebietswelt, so doch des Ancien régime betrieben wurde, 
hatte sich noch einmal der despotische Vertreter der Revolution 
erhoben. 
Ams 26. Februar 1815 war Napoleon mit 1200 Mann 
von Elba entwichen. Am 20. März zog er unter dem 
Enthusiasmus der Menge in Paris ein, während König Lud— 
wig XVIII. hilflos nach Belgien flüchtete; und die große Masse 
des Volkes, insbesondere die in Paris schon zahlreichen Ver— 
treter des vierten Standes, blieben ihm auch in der Folge 
seiner kurzen Herrschaft getreu. 
Es war ein unerhörter Vorgang. Aber wie fein war er 
auf die Stimmung des französischen Volkes in eben diesen 
Tagen berechnet. Die Bourbonen hatten sich die nationale 
Sympathie nicht zu erringen gewußt: was bedeutete der 
schwerfällige Ludwig XVIII. gegenüber der Heldengestalt des 
„kleinen Korporals“? Zudem hatte die neue Regierung 
Schwierigkeiten gefunden, deren Beseitigung auch einer ge— 
schickteren Hand und höheren Energie nicht leicht geworden 
sein würde: die innere Lage, die sich allmählich dem ständigen 
Kriegszustande der napoleonischen Jahre angepaßt hatte, mußte 
auf das Maß eines normalen Friedensdaseins zurückgeführt 
werden; und da gab es tausend Widerwärtigkeiten und An⸗ 
stände. Vor allem handelte es sich dabei um die Entlöhnung 
der Armee, der Offiziere und der Mannschaften; nur langsam 
und nicht ohne Erbitterung der Beteiligten konnte sie vollzogen 
werden: und eben in dem Augenblicke, da diese Erbitterung 
allgemein war, erschien von neuem der veragötterte Kaiser und 
Feldherr. 
Auch mit Rücksicht auf die allgemeine Lage in Europa 
glaubte Napoleon den Zeitpunkt richtig gewählt zu haben. 
Er war über die Zwistigkeiten unter den Alliierten während
	        
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