76 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Kolonialgebiet, aus den verwickelten und patriarchalischen Ver—
hältnissen von Mörs und Cleve-Mark, von Ravensberg,
Münster und Minden nach den einer generellen Reform leichter
offenstehenden, weil gleichmäßigeren Zuständen der Mark,
Schlesiens, überhaupt der östlichen Provinzen. Und so mußte
es schließlich der östliche Hauptkörper Preußens sein, der zum
Träger der entscheidensten Reformen wurde.
Blicken wir aber jetzt auf den langen Weg staatlicher
Reformen schon des 18. Jahrhunderts zurück, dessen Windungen
wir bisher gefolgt sind, so ergibt sich für die Wende etwa
des 18. Jahrhunderts doch kein ganz erfreuliches Bild.
Die beiden deutschen Großstaaten hatten zunächst im
Grunde versagt. Denn es war ihr Schicksal um diese Zeit,
daß das Preußen Friedrichs grundsätzlich am ermattenden
Schlusse der Entwicklung eines früheren, das Hsterreich
Josephs II. am noch schwachen und doch zugleich radikalen
Anfange eines neuen Zeitalters stand. So veraltete der Staat
Friedrichs frühzeitig, und der Staat Josephs verdorrte zu nicht
zu geringem Teile in geilen Trieben. Damit war es denn klar,
daß nur eine Wiederholung der Reformversuche unter günstigerer
allgemeiner Konstellation, ein oder einige Jahrzehnte später, zu
vollen Ergebnissen würde führen können; und es bedeutete
einen Sieg Preußens über sterreich von größester Bedeutung,
daß eine solche neue Reformperiode innerhalb seines Staats
lebens tatsächlich eintrat, während sie Osterreich nicht zuteil
wurde.
Der Held aber, der dem preußischen Gesamtstaate unter
den harten Eindrücken des Unglückes von 1806 diesen immer
noch frühen Eintritt in das Staatsleben der neuen Zeit ver⸗
mittelte, war der Freiherr vom Stein — der Staatsmann bis
dahin des preußischen Nordwestens. Und was er in diesem
Nordwesten um die Wende des 18. Jahrhunderts angestrebt
und zum Teil erreicht hatte, war die erste bewußte und aus⸗
gesprochenermaßen reformatorische Verwirklichung der Konzep⸗
tion des modernen Staates auf deutschem Boden: war erst—
maliges öffentliches Leben des Subjektivismus.