Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

78 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
daß sie in dem Erziehungsprobleme die im Grunde wichtigste 
und durch positives Wirken am leichtesten und unmittelbarsten 
zu lösende Frage der Zeit sahen. In der Tat war diese 
Frage weitaus die populärste schon der Ubergangszeit und des 
Frühsubjektivismus, dann aber erst recht jenes auch sittlich und 
philosophisch reiferen Subjektivismus, der gleichzeitig etwa mit 
der Abklärung der Dichtung zu klassischen Leistungen in den 
neunziger Jahren auftrat und dessen Darstellung wir uns 
jetzt vornehmlich zuwenden; und sie hat eben darum in den 
letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts die stärksten Leiden⸗ 
schaften und die temperamentvollsten Bemühungen entfesselt, 
wie sie denn auch die Zeit am ehesten mit jenem Selbst⸗ 
bewußtsein wirklicher Leistungen erfüllte, das schon auf die 
nächst zurückliegende Vergangenheit als eine überwundene 
zurückblickt. 
Was aber erwartete man nicht auch von der Lösung eben 
dieser Frage; welche Kraft traute man nicht der Erziehung zu! 
Kant meinte kurzweg: „Der Mensch ist nichts, als was die 
Erziehung aus ihm macht.“ Und' Pestalozzi hat erklärt, für 
den sittlich, geistig und bürgerlich gesunkenen Erdteil sei 
Rettung überhaupt nur noch durch Erziehung möglich. Jedem 
Patrioten aber schwoll nach einer Meinungsäußerung Gedikes, 
Prorektors am Friedrich-Werderschen Gymnasium in Berlin, 
die Brust bei den Aussichten, welche die Durchführung der 
subjektivistischen Erziehung eröffne: „mit Entzücken und Sehn⸗ 
sucht sehe er die herrliche Ernte heranreifen“. Aber schon im 
Jahre 1778 waren die pädagogischen Hoffnungen der Zeit einmal 
gleich enthusiastisch zusammengefaßt worden ĩ: „Gott wird sich 
durch eine Erziehungsreform der ausgearteten Menschen an⸗ 
nehmen. Es werden wieder Sprecher aufstehen, die die Rechte 
der Menschheit in ihren Schutz nehmen, Licht und Erkenntnis 
ausbreiten, ein verweichlichtes Geschlecht wieder abhärten und 
zur Menschenwürde erheben, unter welche es so tief herab⸗ 
gesunken war. Bessere Erziehungsanstalten werden allen Arten 
„Pädagog. Unterhaltungen“ 1778, S. 5.
	        
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