Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 79 
von Tyrannen Grenzen setzen. Der gesunde Menschenverstand 
wird seine Rechte behaupten, Stand und Geburt nicht mehr 
Verdienst, nicht mehr Contrebande sein. Die Großen werden 
aufhören, die Geißel der Niederen, und Menschen werden auf— 
hören, eine Ware zu sein. Einfalt der Sitten, Menschenliebe 
und Freiheit werden wieder ihren Wert erhalten, und Titel, 
Bänder, Sterne und Würden nicht mehr vor Verachtung 
schützen. Der Deutsche wird, von neuem Nationalgeist be— 
seelet, sich des fremden Plunders schämen und selbst Original 
sein.“ 
Mit welchen Mitteln aber, unter welchen genaueren Zielen 
wollte man nun diese paradiesischen Ideale heraufbeschwören? 
Die letzten Zeilen der eben angeführten Stelle deuten die 
Lösung, in der Sprache ihrer Zeit, schon an. Der Deutsche 
soll Original werden. 
Es ist wiederholt davon die Rede gewesen!, wie sehr den 
primitiven Subjektivismus alsbald der Mensch zu interessieren 
begann: ist er doch bei weitem mehr von einem vertieften 
Studium des Menschen als der sonstigen Welt der Erscheinungen 
ausgegangen. Von vornherein aber lief dies Studium nicht 
so sehr auf bloße Kenntnis als auf praktische Anteilnahme 
hinaus: nicht eine vertiefte theoretische, sondern eine praktische 
Psychologie war das Endziel. Ist aber praktische Psychologie 
nicht Pädagogik im weitesten Sinne? Es waren Zusammen— 
hänge, die mit dem vollen Durchbruch des Subjektivismus 
immer deutlicher hervortraten. Im Jahre 1785 spricht z. B. 
Blessig den moralischen Zweck seiner psychologischen Studien 
dahin aus, daß er die Bildung des Charakters, auf Grund 
der Selbsterkenntnis, als Ziel hinstellt. Und Feder forderte 
1790, in Vertiefung der Studien, die mit Lavaters „Physio— 
gnomik“ begonnen hatten, daß eine Spezialpsychologie als 
Wissenschaft von den Verschiedenheiten der Menschen in An— 
sehung der Gemütseigenschaften begründet werde. Diese 
Psychologie müsse als Vorbedingung jeder vertieften praktischen 
S. Band VIII, 1, S. 260 ff.
	        
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