38 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Soll aber verstanden werden, wie sich dieser Zug nun—
mehr formell in der bildenden Kunst entfaltete, so wird unsere
Erzählung eines Rückblickes in die früheren Zeiten des Sub⸗
jektivismus hinein bedürfen.
Schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatten
sich in der Formengeschichte der bildenden Künste Andeutungen
all der Richtungen der Phantasietätigkeit eingestellt, die nachher
im 29. Jahrhundert zur Entwicklung gelangt sind: vor allem
der Zug zu einer naturalistischeren Wiedergabe der Außenwelt,
als sie bisher gewohnt gewesen, sowie Spuren eines künftigen
Impressionismus in der Malerei und in der malerischen Be⸗
handlung der Architektur und Plastik.
Aber es waren doch eben nur Spuren gewesen. Weit
weniger, als auf literarischem Gebiete, war auf dem der bilden⸗
den Kunst das Element des neuen Seelenlebens rasch und
offenbar wirksam geworden. Es ist auch die Rede davon ge—
wesen, welche Ursachen diesem verschiedenen Verlaufe zugrunde
lagen; hier hat uns nur das Ergebnis zu beschäftigen. Dies
aber bestand, allgemein ausgedrückt, darin, daß zwar die
Neigung zu fortgeschrittener naturalistischer Behandlung be⸗
stehen blieb — vor allem die Vertreter der führenden Kunst,
der Malerei, sind im Grunde alle Naturalisten in der Richtung
auf den Impressionismus hin gewesen —, daß sich aber diese
Neigung nur in Studien, in der intimen künstlerischen Be—
schäftigung auslebte. Fur das sozusagen offizielle, das voll—
endete Kunstwerk dagegen wurde dieser Naturalismus stilisiert,
in gebundene Form gebracht.
Und hierbei war nun das Charakteristische, daß diese Form
nicht unmittelbar durch Vereinfachung und zugleich menschliche
Verinnerlichung der errungenen naturalistischen Eindrücke in
irgendeinem Sinne gefunden wurde, sondern durch Anwendung
und Einführung einer fremden Bindung. Man war gleichsam
in dem Ausdrucke des neuen Seelenlebens auf künstlerischem
Gebiete noch nicht sicher, nicht erzogen genug, um seine reife
S. dazu wie zum folgenden Band VIII, 2, S. 572 ff.