Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Frühromantik. 
so 
Form aus ihm selber her zu gestalten; man suchte statt dessen 
nach einer fremden Anleitung, einer äußeren Vormundschaft. 
Es war ein Vorgang, wie er teilweise ja selbst auf dem viel 
lebensfreieren Gebiete der Literatur eingetreten war: und wie 
dort, so unterwarf man sich auch hier zunächst der Regelung 
der Antike. 
War damit aber eine befriedigende Lösung gefunden? Es 
ist klax, daß diese schließlich nur aus der Selbstbegrenzung der 
neuen Kunst allein aus sich heraus zu einer eben nur ihr 
eigentümlichen Freiheit hervorgehen konnte. Was aber jede 
andere Lösung besonders störend machte, war der Umstand, 
daß bei ihrer praktischen Durchführung schließlich doch nicht 
bloß ein fremdes Formenideal in Frage kam, sondern auch noch 
Ideale fremden Inhaltes mit in Kauf genommen werden 
mußten: daß der jungen Kunst des Subjektivismus nicht bloß 
fremde Gebundenheit, sondern auch fremde Objekte der Dar⸗ 
stellung, beim Klassizismus z. B. die der antiken Welt als 
wesentlich mit vermittelt wurden. Das Ergebnis war damit 
nicht nur eine nach antiker Form, insbesondere dem Kanon der 
Bildnerei geregelte naturalistische Kunst, sondern eine auch 
äußerlich möglichst antikisierende künstlerische Produktion. 
Und in diesem Zusammenhange lebte denn bis zu einem 
gewissen Grade noch immer auch das alte rationalistische 
Ideal von der Erlernbarkeit der Kunst fort, wennschon in 
abgeschwächter Wirkung: denn jede Kunst mit inhaltlichen, 
nicht bloß Formenidealen wird besonders leicht als erlernbar 
gelten. 
Zugleich aber war damit die Möglichkeit gegeben, daß 
nicht bloß die Antike, daß unter Umständen auch eine andere 
Kulturgewalt die Gängelung der neuen Kunst übernehmen 
konnte. Und sie fand sich nun, wir hörten schon in welchem 
Zusammenhange, im Christentum ein, in der ästhetisch beson— 
ders hervorragenden Verkörperung desselben, in der katholischen 
Kirche, und speziell wieder in deren romantischer Ausprägung. 
Die allgemeine Lehre der Romantik von der bildenden Kunst 
wich nach alledem im Grunde nicht so sehr von der des Klassizismus
	        
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