Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

112 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
ein Klinger, haben dies durchgefühlt. Goethe aber blieb es 
vorbehalten, den Zug unersättlichen Tätigkeitsdranges in ihm 
als die Kerneigenschaft des eigenen Zeitalters zu entdecken und 
zum erwärmenden Lebensinhalt zu gestalten. Allein indem 
der Dichter dies vollbrachte, verlor darum sein Geschöpf nicht 
jeden Zug eines höheren Alters und eines anderen Ursprungs. 
Auch jetzt noch erinnern zahlreiche Einzelheiten an ihm an 
die Zeiten des Individualismus: und heben dadurch sein 
Wesen hinaus über den subjektivistischen Zufall in die reinere 
Sphäre des Universalen. Denn das ist das Geheimnis der 
großen literarischen Stoffe, die fortdauern hin durch die geistigen 
Welten der Völker, daß sie, immer und immer wieder be— 
arbeitet, in sich das Menschliche aller Zeiten und Kulturen in 
schließlich durchgeschliffenster, reinster Form enthalten: bis sie 
vollendet erscheinen und aufnahmefähig in den kristallenen 
Kreis des bloß Humanen selbst. Dies ist der unendliche Reiz 
unserer Märchen, dies die Tiefe der Sittlichkeit der Welt— 
religionen, dies die Vollendung des Kosmopolitismus und das 
Siegel der Einheit des Menschentums. 
Nicht bis zu solchen Höhen ist die anfangs so einfache 
Geschichte Faustens gehoben worden. Andere Lösungen hat 
das große Problem der Seligkeit dessen, der immer strebend 
sich bemüht, in früheren Zeiten unserer Geschichte empfangen, 
im Parzival Wolframs, und selbst noch im Simplizissimus 
Grimmelshausens. Denn da fehlt niemals neben dem un— 
bewußt Strebenden der treue Mentor; und in diesen noch 
geistig gebundenen Zeiten führt schließlich doch das Absolute 
selbst, die Hand Gottes, erzieherisch hin zu sich selbst und damit 
zugleich zu sich selbst zurück. Faust dagegen ist selbst strebend; 
und selbst, aus eigener Macht, fällt er in hartem Lebenskampfe 
das böse Prinzip vor Gott als zuschauendem, wenn auch 
wissendem Richter. Keine Frage: das ist subjektivistisch: und 
unverständlich früheren Zeiten. Doch darf man es auch ro— 
mantisch oder klassizistisch oder sentimental nennen? Darf 
man innere Beziehungen oder auch nur Harmonien suchen zu 
Kant oder Fichte oder Schelling? Nein: die reine Höhe jener
	        
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