—114 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
der Deutsche am meisten zu verlieren; er wird wohl tun, dieser
Warnung nachzudenken.“ Und immer schärfer, immer mehr
auf den Mikrokosmos des Einzelnen richtet sich des alternden
Dichters Blick. „Der lebendig begabte Geist, sich in prak—
tischer Absicht ans Allernächste haltend, ist das Vorzüglichste
auf Erden.“ „Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn
er sich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten und Fertig—
keiten bewegt; aber selbst schöne Vorzüge werden verdunkelt,
aufgehoben oder vernichtet, wenn jenes unerläßlich geforderte
Ebenmaß abgeht.“
Es ist der Moment, in dem der scheinbar so theoretische
Universalismus Goethes ins Praktische umschlägt. Wer denkt
sich nicht den greisen Heros leicht nach den einschmeichelnden
Versen Friedrich Schlegels:
Rede heiter, denke milde,
Schwebe still im sauften Gleise,
Blühend nach der Blumen Weise:
Wie sie duften im Gefilde,
Lebe linde, liebe leise.
Und in den Jahren, da Schlegel diese Verse sang, traten
allerdings für Goethe schon leise Alterserscheinungen auf; ver—
hältnismäßig früh ist er von ihnen heimgesucht worden. Man
hat beobachtet, daß schon seit 1808 bei ihm Erfindungsgabe
und Phantasie mindestens zeitweise abnahmen und die Rezepti—
vität zu überwuchern begann; der Tod Schillers im Jahre 1805
hat ihm dann den ersten großen Schmerz seines Lebens ge⸗
bracht, dessen er nicht recht Herr werden konnte; und in den
Annalen dieses Jahres verzeichnet er selbst, daß ihn der künst⸗
lerische Blick nach und nach zu verlassen drohe, und erhofft Ersatz
in den Reizen wissenschaftlicher Beschäftigung.
Allein mochten die Eigenschaften des Dichters nicht mehr
die alten bleiben: die Eigenschaften des Mannes wuchsen.
Je älter Goethe wurde, um so mehr drang er auf die Energie
der Tat, von der er mit dem Freiherrn vom Stein und
manchem anderen bedeutenden Zeitgenossen meinte, daß seine
Zeit ihrer besonders bedürfe und besonders ermangle. Und er