Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

118 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
wenn auch in langsamer Abnahme der Intensität ihres Ein— 
flusses: bis sie in der Zeit erster idealistischer Regungen der 
weiten Periode sogar nochmals zu einem stärkeren neuen Leben 
erwacht sind, das uns noch heute umfängt: nun freilich nicht 
in unmittelbarstem Einflusse mehr, sondern verquickt mit den 
Einwirkungen, welche die Kenntnis analoger Vorgänge in 
früheren Perioden im Sinne einer Renaissance gestattet. 
Für die nächste Auswirkung der Romantik aber, unmittel⸗ 
bar aus dem Wehen des neuen Geistes heraus, ergab sich bei 
alledem ein Merkwürdiges. Mystik ist höchste Poesie; als solche 
wenigstens wurde sie von den Frühromantikern empfunden. 
Gestattete diese dann aber noch, an sich schon eine Aktualität 
und ein geschlossener Zustand, die höchste Ausbildung für sich 
lebendiger dichterischer Formen? Erschien nicht selbst die 
Dichtung schon nur noch als ihr Ausfluß, als ihre Projektion, 
ihr Objekt? So betrachtet hat sich die Poesie der Früh— 
romantik nicht zu den freien Höhen der Dichtung des Klassi— 
zismus emporflügeln können: sie diente; und sie gewann selbst 
Form nur in Beziehung auf einen höheren, im Grunde über 
ihr stehenden Inhalt. 
Es scheint in diesen Zusammenhängen der Grund zu 
liegen, warum der eigentlichsten, der Frühromantik eine be⸗— 
sonders ausgebildete musikalische Periode überhaupt und voll— 
kommen nicht entsprochen hat. Denn die Musik des Sub— 
jektivismus wollte von vornherein souveräne Beherrscherin der 
Gefühle sein: wie hätte sie sich da in mystische Dienste 
zwingen lassen? Soweit die Frühromantik des musikalischen 
Ausdrucks bedurfte, hat sie ihn in der Sprache gesucht: ihr 
dachte Liebe in süußen Tönen; und dicht an das Musikalische 
streiften viele unter Friedrich Schlegels, Tiecks, Novalis' Ge⸗— 
dichten der Frühzeit. 
So kam die Musik gleichsam erst zu Worte, sobald die 
Grundergebnisse der Frühromantik in einem aus ihnen, wenn 
auch ziemlich unmittelbar erfließenden allgemeinen Stimmungs-— 
gehalte vorlagen: sie kam zu Worte, indem sie Interpretin 
einer schon abgeleiteten, wenn auch noch so lebendigen, einer
	        
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