116 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
der Zeit, Beethoven und Goethe, treffen. Ist Faust das Evan⸗
gelium tätiger Manneskraft, so ist Fidelio das Hohelied alles
wagender Frauenliebe. Und schuf Goethe in tausend Stellen
seiner reifen Dichtung immer wieder das Ideal des modernen
Menschen von kraftvoller, seiner selbst sicherer Bescheidenheit,
wie er es lebte, so pries Beethoven dies Ideal in den tausend
Zungen seiner Symphonien und weissagte in deren letzter und
größester seine nahe Verwirklichung.
Es waren das nicht die Ideale der Zeit, am wenigsten
die der Romantik. Weit wies, was Goethe und Beethoven
meinten, über die geistigen Strömungen ihrer Gegenwart
hinweg in die Zukunft, in die Zeiten des Realismus, ja noch
mehr in die Jahre späterer politischer Vollendung des Deutsch⸗
tums: in jene Jahre, in denen auch ihre Urheber erst von
klar begeisterter, weil nun endlich ganz verständnisvoller An⸗
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Auf diesen Höhen aber begegneten beide dem Glauben und
dem Wesen der Großen aller deutschen, ja aller germanischen
Zeiten überhaupt: denn wo hätten Germanen der Frühzeit wie
Deutsche des Mittelalters, wo ein Luther und Dürer wie ein
Rembrandt und Leibniz wahrhaft Großes geschaffen ohne die
sodernde Leidenschaft der Begeisterung?