Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

152 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
lauscht; einem Handwerksburschen, der in begeistertem Wander⸗ 
drang zur Burg aufschaut; einem jungen Paar, Bauern der 
Gegend, mit Magd und Kind, die Futter für die Kühe daheim 
geholt haben und nun über den Fluß setzen —, das alles in 
der selig-ruhevollen Stimmung abendlicher Dämmerung. Das 
Bild, ein wahres Musterblatt romantischer Requisiten, erklärt 
zugleich auch Richter den romantischen Landschafter, und 
Richter den feinen Stilisten des Volkslebens. Schon beinahe 
alle seine Staffeleibilder sind voll von Staffage, mag es sich 
nun um einen Brautzug durch Frühlingswald oder um einen 
Abendsegen bei sinkendem Sommertag unter dem schwingenden 
Glöcklein des Einsiedels handeln. In der bloßen Zeichnung, 
deren Technik der Meister von jeher liebte und später immer 
mehr bevorzugte, tritt dann die Staffage noch viel, viel mehr 
hervor. Und hier erst erscheint denn eigentlich des Meisters 
ganz persönliche Art, wie sie dem Inhalt das Siegel einer 
idealisierenden, ruhig-verklärenden Erinnerung im Sinne einer 
Spätröte der Romantik aufdrückt: Gemüt und Sehvermögen, 
Schauen und Sinnen sind eins, und traulich, subjektiv wahr⸗ 
haftig und engelrein, dabei ein wenig philiströs wird uns vom 
engen Familienkreise des deutschen Hauses berichtet, von frommer 
Sitte und gutem Brauch, von harmloser Freude an der Natur 
und wohligem Behagen am häuslichen Herde bei wärmendem 
Ofen und in der Ofenröhre singendem Apfel. Richter ist 
damit in seinen Holzschnittfolgen, wie sie erst vornehmlich in 
den fünfziger und sechziger Jahren erschienen („Fürs Haus“ 
z. B. 1851-61), der Verklärer vornehmlich des mittleren 
Bürgertums der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geworden: 
und so endete in dieser Hinsicht der stolze Umrißstil des Klassi— 
zismus und der Romantik, der bei Heroen und Heiligen, wenn 
nicht bei Göttern und Gott begonnen hatte, in den Winkeln 
der Welt, im Kreise jener Kleinen, welche, dieweil sie sanft⸗ 
mütig sind, das Erdreich besitzen. Ist es da nicht selbstverständ⸗ 
lich, daß er auf diesem Wege bei aller stilistischen Kunst doch 
weit realistischer wurde? 
Eine dritte Richtung der romantischen Malerei aber, der
	        
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