Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

170 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
Was ihnen mangelte, war die eigentlich epische Stimmung. 
Denn bei aller Neigung zur Realistik im Einzelnen der Er— 
zählung, wie sie gerade die wichtigsten Vertreter am stärksten 
zeigen, wird doch das Ganze noch von phantastischen Tendenzen 
und formlosen Stimmungen überwuchert; die Kunst der Er⸗ 
zählung schon, noch mehr die Kunst der epischen Komposition 
dringt nicht durch; der Leser wird von Aphorismen hin und 
her geschaukelt, statt ein starkes und gerades Interesse am Ver— 
laufe der Ereignisse zu gewinnen: und so ist das Ergebnis 
aller Kunst doch ein eng auf die Zeit selbst begrenztes, schon 
für die Zeitgenossen der vierziger Jahre eindrucksloses Schaffen. 
Hinausheben über diese Lage konnte eigentlich nur die 
stärkere Betonung der Begebenheiten. Und diese mußte sich 
am leichtesten im historischen Romane einstellen. In der Tat 
wird dieser daher alsbald nach den Freiheitskriegen das 
zunächst wichtigste Gefäß der weiteren Entwicklung; und an 
seinen Formen läßt sich vielleicht am eingehendsten und an— 
schaulichsten ein Abklärungsprozeß verfolgen, der von den 
mystischen Anfängen der Romantik zu ihrem historisch-realisti— 
schen Abschlusse hinführt. 
In gewissem Sinne können schon Werke wie „Franz 
Sternbalds Wanderungen“ als historische Romane bezeichnet 
werden; sie spielen in der Vergangenheit. Indes handelt es 
sich dabei doch nur um eine äußere geschichtliche Einkleidung, 
deren Wesen selbst an sich schon Tendenzen der Gegenwart 
dienen soll: geschweige denn, daß etwa versucht würde, die 
Seele einer bestimmten geschichtlichen Periode in ihnen aufleben 
zu lassen. Der letzte und in gewissem Sinne bedeutendste dieser 
Romane, der sich schon geschichtlicher Betrachtung mehr an— 
näherte, erschien seit 1817; es waren Achim von Arnims 
„Kronenwächter“. Die Kronenwächter, ein geheimnisvoller 
Bund, der bald an die Genossenschaft der Gralsritter anklingt, 
bald an die Gesellschaft vom Thurm im „Wilhelm Meister“ 
exinnert, bewachen in einem märchenhaften Glasschlosse mitten im 
Meere die deutsche Krone; und dem Hause Habsburg feind suchen 
sie Abkömmlinge der alten Hohenstaufenherrscher zu Gegen—
	        
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