Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

172 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitei. 
Werke Immermanns, die in der zweiten Hälfte der dreißiger 
Jahre erschienen, wenigstens wenn man von der dem „Münch— 
hausen“ einverleibten Dorfnovelle „Der Oberhof“ absieht. Die 
„Epigonen“ (1836) wie der „Münchhausen“ (1838 -9) sind in 
der Komposition fast noch von der Formlosigkeit des Romans 
der Frühromantik, die Epigonen zudem im Stofflichen der 
Erzählung vielfach an Goethes Wilhelm Meister angelehnt; der 
Held erinnert im allgemeinen Verlaufe seines Schicksalsganges 
durchaus an Meister, die Konzeption der Fiametta würde 
ohne Mignons Vorbild kaum verstanden werden. Aber auch 
in der inneren Haltlosigkeit der Charaktere, die im Grunde 
nur Träger gewisser dichterischer Absichten sind, tritt noch der 
Boden der Romantik zutage. Und verdeckt wird er einiger— 
maßen nur durch den Oberbau, im Münchhausen durch die 
satirische Tendenz, in den Epigonen durch die Absicht, von dem 
Deutschland der zwanziger Jahre ein großes Sozialgemälde zu 
entwerfen, das freilich, der dem Stoffe innewohnenden Tendenz 
nach, realistischer hätte ausfallen müssen. 
Die Tatsache, daß sich schließlich doch nur der eigentliche 
historische Roman, und damit eine fur die erste Hälfte des 
19. Jahrhunderts untergeordnete Form der großen Erzählung, 
zu einiger Sicherheit künstlerischer Durchbildung entwickelte, ist 
im hohen Grade charakteristisch dafür, inwiefern in der all— 
gemeinen seelischen Entwicklung der Zeit historischer und rea— 
listischer Sinn zu unterscheiden ist: wie weit war der historische 
Sinn selbst da, wo er mit Begeisterung gepflegt wurde, noch 
davon entfernt, sich mit vollem realistischen Erkenntnistriebe zu 
decken! 
Für die Erzählungskunst folgte aus diesen Zusammen— 
hängen, daß sie ihre erste allgemeine Höhe nicht so sehr in den 
großen Formen, dem Romane oder gar dem Romanzyklus, wie 
in der kleinen Erzählung und in der Novelle erreichen mußte. 
Und hier war nun wieder bezeichnend, daß durchaus die Novelle 
obsiegte. Die kleine Erzählung kann nur das Tatsächliche geben; 
Reflerionen stören ihren hastigen Fluß. Die Novelle, die mit 
der Erzählung die Absicht teilt, die Kenntnis „neuer, seltsamer
	        
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