182 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
babylonischen Gefangenschaft noch einmal am deutschen Leben
teilnimmt, endlich die schönsten Talgegenden unserer größten
Ströme, hier Osterreich mit seinen Traditionen aus den Tagen
der Babenberger, dort das Mittelrheintal mit seinen Wein⸗
geländen, der Wacht seiner Schlösser und Burgen, und der
Stadt der Heiligdreikönige mit dem herrlichen Dom!
Am reichsten wohl und gewiß am höchsten erklangen aber
die neuen Lieder in Schwaben. Denn hier zum ersten Male
wurde völlig die bloße Zustandsschilderung, die in der Lyrik
leicht zu einer Exposition ohne Handlung drängen kann, ver⸗
lassen; hier zuerst wurde nach den schweren Leidensjahren
der Fremdherrschaft auch im Süden ein Rückblick in frühere
Größe ohne Scham getan: hier zuerst fand man in dieser
Größe der Vergangenheit die Ziele einer hoffnungsreicheren
Zukunft wenn nicht vorgezeichnet, so doch umrissen: hier erwuchs
ein patriotischer Historismus und in ihm eine jener Gewalten,
welche die Nation in die erträumte Einheit von 1848 und in
den erkämpften Zusammenschluß von 1870 gehoben haben.
Dabei machte sich zugleich noch eine weitere Erscheinung be—
merklich, die eine wichtige Wendung der Entwicklung ankündigte.
Körner und Grillparzer, anderer nicht zu gedenken, waren aus
vpersönlichen Gründen gleichsam Nachahmer Schillers gewesen;
ihre Individualität hatte sich an eine höhere, verwandte an—
gelehnt; und hatten die Frühromantiker und Spätere Goethe
nachgeahmt, so war es unter dem überwältigenden persönlichen
Einflusse des Genies geschehen. Jetzt dagegen begann der Klassi—
zismus als solcher zu wirken: leise Spuren einer ersten, sehr
oerständigen und sehr klaren, wenn auch das eigene Wesen noch
keineswegs vernichtenden Epigonie ziehen ein: die erlöschende
Fackel der Lyrik der ersten subjektivistischen Periode entzündet
sich noch einmal an der lebendigen Erinnerung vergangener
Schönheit.
War es da ein Zufall, wenn ein Hochschullehrer, ein Literar—
historiker zumal, zur höchsten Verkörperung dieser Tendenzen
gelangte? Es war die Stellung Uhlands in der Dichtung
der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Persönlich schüchtern,