180 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Brust des Dichters entringt wie das Vaterländische überhaupt.
Und alsbald verband es sich in diesem Sinne mit dem leis
Historischen: bis es von Natur- und Geschichtsgefühl zugleich
in innigster Durchdringung beherrscht wurde.
Die führenden Dichter dieses Moments waren Eichendorff
und Chamisso, neben denen eine ganze Anzahl kleinerer her—
geht, die man am besten aus Chamissos Musenalmanachen
kennen lernt. Von ihnen war Eichendorff mehr der Natur,
Chamisso vielleicht mehr der Geschichte zugewandt. Und jeden⸗
falls ist Chamisso von ihnen beiden der durchsichtigere, klarere,
aber auch flachere; es ist wie eine letzte Spur seiner franzö—
sischen Herkunft in seinen Gedichten. Den entwicklungsgeschicht⸗
lichen Fortschritt bezeichnet dagegen weit mehr der durch und
durch deutsche Eichendorff. Auch er hat gewiß etwas Ein⸗
förmiges; es ist nicht wünschenswert, daß man seine Gedichte
ohne Unterlaß hintereinander lese. Im ganzen aber über⸗
rascht immer wieder die in die Einzelheiten eindringende Ver—
tiefung des Naturgefühls bei allem Festhalten auch noch sub⸗
jektiver Elemente:
Über Bergen, Fluß und Talen,
Stiller Lust und tiefen Qualen
Webet heimlich, schillert Strahlen!
Sinnend ruht des Tags Gewühle
In der dunkelblauen Schwüle;
Und die ewigen Gefühle,
Was dir selber unbewußt,
Treten heimlich, groß und leise,
Aus der Wirrung fester Gleise,
Aus der unbewachten Brust
In die stillen. weiten Kreise.
Aber auch der Welt der Seele weiß Eichendorff ein vertieftes
wirkliches Verständnis abzuringen: und so stehen seine nicht allzu
zahlreichen Liebeslieder über dem Durchschnitte der Zeit, wenn
er auch früh vor dem scheinbar Unaussprechlichen Halt macht:
Schließ ich nun auch Herz und Mund,
Die so gern den Sternen klagen:
Leise doch im Herzensgrund
Bleibt das linde Wellenschlagen.