Die Spätromantik.
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zurückhaltend, ein nimmersatter Feiler der Form, hat er seiner
Zeit und den nächsten Generationen bis auf heute Unsterbliches
geschenkt. Denn mögen seine Eberhardromanzen heute nur
noch ein Schuldasein fristen: Lieder wie „Ich hatt' einen Ka—
meraden“ haben noch die Lebenskraft eines männlichen Daseins.
Und nicht minder hat Uhland die Formenwelt der Romantik,
den oft übersatten Kolorismus der Sprache, die bunte Mannig—
faltigkeit der Strophenbildung kräftig abgeklärt und das Dauer—
hafte davon in der strengen Musik seiner Sprache geborgen.
Aber er stand nicht allein. Mag Gustav Schwab nur
noch der Jugend der Gegenwart durch seine „schönsten Sagen
des klassischen Altertums“ vertraut sein; mehr wiegen Justinus
Kerner und Eduard Mörike, des jüngeren Hauffs nicht zu ver—
gessen. Von ihnen war Justinus Kerner insofern noch voller
Romantiker, als ihm noch Poesie und Wirklichkeit zusammen⸗
flossen und ihm nur zu leicht gerade die Poesie zur Wirklichkeit
geworden ist. Aber wenn sich darauf sein Hang zur Hellseherei,
ja ein ganzer Geisterschwindel aufbaute, dem er unbewußt-bewußt
und gläubig-skeptisch nachging, so haben das schon die Zeit—
genossen bezeichnenderweise als mindestens original, wenn nicht
gar bereits als anormal und ärgerniserregend empfunden. Die
Nation wird darüber nicht vergessen, daß sie Kerner so Volks—
tümliches wie das Lied „Dort unten in der Mühle“ verdankt.
Ein Original in seiner Art, nach moderner Auffassung vermutlich
ein Neurastheniker, war auch Mörike. Die Zeit selbst freilich
begriff ihn nicht als krank, sondern nur schlechthin als faul;
und sicherlich lautet eines seiner liebsten Selbstbekenntnisse:
Am Waldfaum kann ich lange Nachmittage
Dem Kuckuck lauschend in dem Grase liegen.
Allein welche Perlen wuchsen in dem wunderlichen Ge—
häuse dieses Lebens, dem selbst eine Dorfpfarrei von ein paar
hundert Seelen zuviel der Arbeit war! Und wie klug und
klar sah der sich selbst treue Mann! Schon neigt sich bei ihm
die Schale zum vollen Realismus, ja jelbst impressionistische
Motive fehlen nicht; und so tritt er entwicklungsgeschichtlich
als Dichter seinem schweizerischen Amtsbruder nahe, dem freilich