Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

184 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
als Persönlichkeit ganz anders gebauten, tapferen Jeremias 
Gotthelf. 
Für die schwäbische Dichtung als Ganzes aber genügt es 
nicht, sie ihrem Ursprunge nach zu betrachten; auch der Ab— 
grenzung nach der Zukunft hin bedarf sie, um deutlich um— 
schrieben zu sein. Und da erweist es sich denn namentlich als 
notwendig, ihre patriotische und selbst schon kriegerisch-nationale 
Seite etwas mehr, als dies zumeist geschieht, ihren Nuancen 
nach zu bestimmen. Gewiß hat, wie Uhland „Ich hatt' einen 
Kameraden“, so Hauff „Morgenrot, Morgenrot“ und „Steh 
ich in finstrer Mitternacht“ gedichtet. Aber Uhland hat als 
Abgeordneter der Vaulskirche von dem gastlichen Hause, das 
ihn in Frankfurt beherbergt hatte, mit den Versen Abschied 
nehmen können: 
In diesen kampfbewegten Maientagen 
Hört doch die Nachtigall nicht auf zu schlagen, 
Und mitten in dem tobenden Gedränge 
Verhallen nicht unsterbliche Gesänge. 
Und Mörike gar, der 1870 auf 71 noch erlebte, hat die 
großen Ereignisse dieser Jahre und den Vorwurf, sie nicht zu 
besingen, mit den Zeilen quittiert: 
Bei euren Taten, euren Siegen 
Hat mein Gesang beschämt geschwiegen; 
Doch manche, die mich darob schalten, 
Hätten auch besser das Maul gehalten. 
Man sieht: der historische Patriotismus hatte noch seine 
sehr deutlichen Grenzen; in recht wesentlichen Punkten, wie 
wir noch hören werden, unterschied er sich noch von der 
patriotisch-politischen Lyrik sogar schon der zweiten Hälfte der 
dreißiger Jahre. 
Keineswegs so ernst, als die schwäbische, kann die Elsässer 
Lyrik genommen werden. Ihre nächsten Vertreter, die Stöber, 
waren mäßige Dichter; die Nachfahren aber hatten, das Los 
der Elenden, den Zusammenhang mit dem großen Flusse des 
deutschen Lebens verloren. So hat denn freilich die roman— 
tische Lyrik im Elsaß bis zur Erlösung des Landes im Jahre
	        
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