186 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Leiser Lichtschein zittert auf,
Dämmerhaftes Fließen,
Und es zieht der Mond herauf,
Schimmer auszugießen.
Silberstrahlen in den See
Senkt er, in das Dunkel;
Es erwacht die Wasserfee
Von dem Lichtgefunkel.
Ludwig August Frankl.)
Es war gleichsam der reguläre Abschluß der Spätromantik.
Allein wie die Musik, neben der Lyrik die am meisten re—
präsentative Gattung der Phantasietätigkeit in diesen Zeiten,
nicht in sich selbst versandete ohne das gewaltige Finale der
Schöpfungen Schumanns, so ging die Periode auch in der
Lyrik nicht zu Ende ohne große oder wenigstens eigenartige
Erscheinungen. Und sie gehörten eben den matten Gebieten
der rheinischen und der österreichischen Lyrik, wenn auch etwas
exzentrisch an: hier Heine und die Annette Droste-Hülshoff,
soweit sie schon in diesem Zusammenhange zu nennen ist, dort
Nicolaus Lenau.
Besonders nahe liegt der Vergleich zwischen Schumann und
Lenau. Bei beiden verwandte Anlage und dasselbe grausige
Schicksal. Bei beiden im Grunde ein Hinausstreben schon über
die Form der Romantik in neue Naturalismen, und bei beiden
das Unvermögen, neue Ziele klar zu sichten. Und bei beiden
auch hierfür ein beinahe gleiches Hindernis. Denn was sie
knickte, war doch vor allem die innere Zerrissenheit ihrer
Natur, war eine tiefe, nicht eigentlich mehr sozialpsychisch⸗
romantische, sondern an erster Stelle rein persönlich zu ver⸗
stehende Melancholie. Es war ein Element, das namentlich
Lenau um so stärker charakterisiert, als es seiner Dichtung
aufs unbedingteste und darum beinahe ausnahmslos ein⸗
gegossen ist.
Die Lüfte rasten auf der weiten Heide;
Die Disteln sind so regungslos zu schauen,
So starr, als wären sie aus Stein gehauen,
Bis sie der Wandhrer streift mit seinem Kleide.