204 Dierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
die Abscheidung der Kohlensäure aus kaustischem Kalke und
Priestley und der in Schweden lebende Deutsche Scheele die
Abscheidung des Sauerstoffes durchgeführt hatten, vornehmlich
durch Anwendung der Wage auf die Untersuchung chemischer
Prozesse. So suchte z. B. in Deutschland J. B. Richter in
seinen „Anfangsgründen der Stöchiometrie oder Meßkunst
chemischer Elemente“, 1792 -1794, schon die Gewichtsverhält—
nisse festzustellen, in denen sich Säuren und Basen zu Salzen
verbinden: womit eine Richtung der Forschung aufgenommen
war, die später zu außerordentlichen Einsichten geführt hat.
Und bereits vorher, im Jahre 1774, war dem Franzosen
Lavoisier, auf Grund von Untersuchungen mit der Wage, ein
Nachweis gelungen, der recht eigentlich die ältere qualitative
von der neuen quantitativen und mechanischen Chemie zu
trennen bestimmt war. Wir kennen schon aus anderen Theo—
rien der Zeit her die Vorstellung von einem, freilich bereits
besonders verfeinert aufgefaßten Repräsentanten der Verbrenn⸗
barkeit der Körper, dem Brennstoff, dem Phlogiston. Bei der
Verbrennung, so nahm man an, entweiche dieses Phlogiston
in die Luft, und die zurückbleibende Asche stelle dann den
eigentlichen Stoff des Körpers, ohne Phlogiston, dar. Aus
dieser Auffassung zog nun Lavoisier, falls fie richtig sei, den
der mechanischen Naturlehre ganz konformen Schluß, daß dann
die Asche leichter sein müsse als der Körper vor der Ver—
brennung, denn ihr müsse das Gewicht des entwichenen Phlo⸗
giston fehlen. Nun ergab aber die Untersuchung gewisser Aschen
mit der Wage genau das Gegenteil: die Asche war schwerer
geworden. Also konnte zunächst die Phlogistontheorie nicht
richtig sein. Zugleich aber fand Lavoisier auch eine Erklärung
für die Zunahme der Schwere. Die Veraschung machte die
verbrannten Stoffe um ebensoviel schwerer, als die umgebende
Luft leichter geworden war: aus dieser war mithin ein Be—
standteil, und zwar, wie sich zeigte, der Sauerstoff in den Ver—
brennungsprozeß eingetreten und eben in dem Maße des er—⸗
höhten Gewichts nachweisbar. Es war eine erste chemische
Erklärung der Verbrennung und die Bestätigung zugleich der