Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

206 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Rapitel. 
Dem entsprach es im Bereiche der Naturanschauung, daß als 
kleinste Komponenten gleichartige Körperchen, Atome, ohne 
qualitative Ausstattung, gedacht wurden, deren Bewegung und 
Gleichgewicht die Welt zusammensetzt, und daß Bewegung und 
Gleichgewicht letzten Endes gegeben erschienen in den Wirkungen 
einer absoluten, alle Fernen mystisch überwindenden Kraft. Es 
ist eine anthropomorphe, geschichtlich noch besser gesprochen cine 
psychomorphe Anschauung: nicht anders, als irgendeine Natur— 
wissenschaft vergangener Zeiten, ist auch die mechanische Natur— 
wissenschaft das Spiegelbild der Anschauung, welche sich die 
Zeit ihrer Entstehung vom Menschen und seinem dieser Zeit 
spezifisch eignenden psychischen Wesen gebildet hatte und bilden 
mußte: — auch der Entwicklungsgang der Naturwissenschaften 
ist im tiefsten abhängig von dem Entwicklungsgange der Kultur— 
zeitalter, von der nationalen und der universalen Psychogenese. 
Wie sollte es übrigens, ganz allgemein und erkenntnistheoretisch 
betrachtet, auch anders sein? Alle Erkenntnis ist dem Zu⸗ 
stande des Werkzeuges des Erkenntnisses und das heißt den 
jeweiligen Eigenschaften der menschlichen Seele konform. 
Dies vorausgeschickt, versteht es sich, daß mit dem Er— 
blühen der subjektivistischen Kultur grundsätzlich schon rasch 
und früh, in praktischer Durchdringung der einzelnen natur⸗ 
wissenschaftlichen Disziplinen allmählich und später, schließlich 
aber mit vollkommenster und allseitigster Sicherheit eine ganz 
andere Grundanschauung der Natur eintreten mußte: und daß 
sie der neuen Psyche, dem entwicklungsgeschichtlich abgewandelten 
Wesen des subjektiven Menschen zu entsprechen hatte. Wie 
sehr aber wich dieser Mensch in der Tat von dem des indivi— 
dualen Zeitalters ab! Wo jener isoliert und gleichförmig er⸗ 
schienen war, handelte dieser im Zusammenhang mit seines⸗ 
gleichen und nach einer für die einzelnen Personen verschieden⸗ 
artigen Willenskraft und Eigenschaftsausstattung, und wo jener 
in einer großen Masse ununterschieden sich dem Willen des 
absoluten Monarchen gebeugt hatte, entwickelte dieser, demo— 
kratisch veranlagt, in der stärksten Abstufung von genossen⸗ 
schaftlichen und gemeindlichen Selbstverwaltungen einen reich—
	        
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