Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

238 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
lichkeit schien vor der historischen Kritik schließlich noch übrig 
zu bleiben, daß man in der Offenbarung das allmähliche 
Anwachsen einer Masse von religiösen Erfahrungen zu einer 
Gesamterfahrung des menschlichen Geschlechtes und in der Bibel 
das hervorragendste Urkundenwerk für diesen Prozeß sähe: 
womit denn freilich weniger eine Vermittlung zwischen einer 
angeblichen Natürlichkeit des Offenbarungsprozesses mit dem 
Begriffe des Geschichtlichen, als eine Vernichtung dieses Offen— 
barungsprozesses gegeben war. 
Man erkennt hier einmal an einer wichtigen Stelle, von 
welch außerordentlichen Folgen jeder Fortschritt selbst bereits 
der bloßen historischen Quellenkritik war und immer mehr 
werden mußte: schon er allein trennte alles, was jetzt geistes— 
wissenschaftliche Konzeption, ja was Weltanschauung hieß, end⸗ 
gültig von dem analogen Denken früherer Zeitalter. Klar aber 
war, daß diesen subjektivistischen Umwandlungen der Quellen— 
kritik auch eine energische Fortentwicklung in der Kunst der Kon⸗ 
stituierung des Verlaufs einfacher historischer Fakten zur Seite 
gehen mußte. Denn jetzt gestaltete sich das Zeugenverhör der 
Quellen, in denen nunmehr Eigenes und Fremdes, Persönliches 
und objektiv Zeitgemäßes genau geschieden wurden, gänzlich 
anders; und eine Feinheit in der Anwendung historischer Mittel 
ergab sich, die eine Masse von Fällen als schlüssig hinstellte, an 
deren sicherer Lösung man bisher hatte verzweifeln müssen. 
Da war es denn nur natürlich, daß durch diese Ent— 
wicklung auch die höhere historische Kritik, die kritische Vor⸗ 
bereitung und Fundierung der eigentlichen Erzählung, in hohem 
Grade beeinflußt wurde. 
Der Schluß des individualistischen Zeitalters hatte eigent— 
lich nur ein einziges Bedürfnis der Zusammenfügung von Er— 
eignissen zur kontinuierlichen Schnur von Fakten, zur Erzählung, 
gekannt: das politische. Denn ihm war Geschichte noch Er— 
zählung der Staatsaktionen, der Handlungen der politischen 
Persönlichkeiten gewesen. Diese aber erschienen innerlich ver— 
knüpft nur durch die Motive dieser leitenden Personen; und so 
kam es darauf an, über eine Anzahl von zusammengehörigen
	        
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