254 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Rapitel.
unbedingt auch alle anderen Formen menschlichen Daseins
beherrsche: diese erschienen also gänzlich von ihm abhängig:
und die Weltgeschichte war Hegel folgerichtig, als Auswirkung
des Absoluten, Geschichte der Staaten.
War nun aber diese Begrenzung des historischen Werdens
wirklich noch der Zeit gemäß und gemäß auch den Grundzügen
der Gedankenbildung des Philosophen? Führte diese nicht,
im Grunde doch schon evolutionistisch, auf kulturgeschichtliche
Motive? Entsprach das Kleben an gegebenen historischen Vor⸗
stellungskreisen, statt eines kühnen Forschervordringens in das
Gebiet wenigstens der geistigen Zustände, nicht ganz dem klein⸗
mütigen Verzichte auf eine Theorie des naturwissenschaftlichen
Evolutionismus? Die kulturgeschichtliche Betrachtung war, dank
den weiten geistigen Interessen der Romantik, schon zu weit
fortgeschritten, als daß Hegel ihr ganz hätte entraten können:
zumal sie ihm an sich sympathisch war, wie tausend Einzelzüge
seiner Darstellung beweisen. Und so trat denn in seinem
System, anorganisch oder mindestens wie ein halb illegitimer
Johannistrieb neben dem alten Gezweig und Geranke staats⸗
historischer Anschauungen auch das kulturgeschichtliche Motiv
hervor: dem Staatengeist sekundierte ein Volksgeist als Träger
anderer als staatlicher Lebensformen, und Kunst und Wissen⸗
schaft, Sprache und Mythus wie sonstige Erscheinungen sozial⸗
psychischen Lebens fanden jede in ihrer Weise noch eine be—⸗
sondere, gleichsam einstweilige Unterkunft.
Man wird daher dem Systeme Hegels gerade da, wo es
am weitesten durchgeführt erscheint, alles andere als volle Ge⸗
schlossenheit nachrühmen können. Allein hat es nicht eben da⸗
durch gewirkt, daß es sich als ein Werdendes gab?
Das, was dies System noch am innigsten mit Früh⸗
romantik und in gewissem Sinne mit der Romantik überhaupt
verknüpfte, war schließlich der dialektische Unterbau, die logische
Skelettierung. Denn Hegel selbst mochte diesen Unterbau wohl
als besonders rational erachten. Jeder Einblick indes in den
Verlauf der Entwicklung nationaler Philosophien, mögen sie
nun chinesisch oder japanisch oder autik bodes deutsch sein,