1838
Die Ideenlehre. — Malebranche.
Bewusstseins machen: sicher ist, dass sie uns nirgend gegeben,
dass sie durch kein einziges Datum unserer inneren Erfahrung
bestätigt oder erwiesen werden kann. Man nehme den Fall, dass
diese transscendente Wirklichkeit vernichtet würde, ohne dass in-
des eine Wandlung innerhalb unserer Vorstellungen selbst von
statten ginge, so würde damit unser Weltbild in keinem einzigen
Zuge geändert, so blieben alle unmittelbaren Erfahrungen und
Schlüsse, die wir auf sie bauen, in Kraft. Die geringste psycho-
logische Reflexion reicht aus, um erkennen zu lassen, dass es
aicht die materiellen Gegenstände sind, die den unmittelbaren
Inhalt der Wahrnehmung bilden, dass es eine intelligible
Ordnung und eine intelligible Schönheit ist, die sich im Pro-
zess der Erkenntnis vor uns auftut.5) „Die Welt ist meine
Vorstellung“: dieses Thema ist es, von dessen immer erneuter
Variation Malebranche seinen Ausgang nimmt. Die Instanzen des
Traumes und der Sinnestäuschung, die von Descartes nur kurz
Derührt worden waren, gewinnen bei ihm breiteren Raum und
allgemeinere Bedeutung.®) Und wenn Descartes über das Bereich
des unmittelbaren Bewusstseins alsbald hinausstrebte, so sehen
wir, wie Malebranche sich in ihm befriedigt und heimisch macht.
Einen Beweis für das Dasein der Körper zu versuchen, gilt ihm
als vergebliches Bemühen; bei aller Zurückhaltung, deren er sich
zegenüber dem Meister befleissigt, hat er doch alle Cartesischen
Argumente, die in dieser Richtung gehen, mit aller Entschieden-
heit verworfen. Hatte Descartes sich darauf gestützt, dass unser
Glaube an die Existenz äusserer Dinge unvermeidlich sei und
lass es daher die Evidenz aller unserer Grunderkenntnisse ent-
wurzeln hiesse, wenn wir ihm die Zustimmung versagten, so
weist er in diesem vermeintlich logischen Zwange das Moment
der Gewöhnung und des Vorurteils auf, über das eine tiefer drin-
gende Analyse uns aufklärt und hinweghilft. Derselbe Grund-
trieb, der uns von den „Ideen“ zu den jenseitigen Gegenständen
hinaustreibt, verleitet uns auch, die Dinge selbst mit den Eigen-
schaften auszustatten, die nur unseren Sinnen und unserer Ein-
bildungskraft angehören; dieselbe Kritik, die uns die Subjektivi-
tät der Farben und Töne kennen lehrt, genügt, schärfer ge-
{asst und durchgeführt, jeden Schluss auf ein unabhängiges
stoffliches Sein zunichte zu machen.) So zeigt sich uns hier