Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

256 Dierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
gerade die kulturgeschichtlichen Disziplinen, die eigentlich in 
Hegels Gesamtsystem nicht eingingen, gleichwohl von seiner 
Methodus philosophandi die allerstärkste Anregung — stärkere 
als die bei Hegel noch zentral angeordnete Staats- und 
Staatengeschichte — empfingen. 
Wie auf diesem Gebiete der höheren historischen Methode, 
so hat Hegel aber auch sonst, in der materiellen Geschichts— 
betrachtung, sich den eigentlichen wissenschaftlichen Verfahrungs— 
weisen, dem Denkinhalt und der Denkart der geisteswissenschaft⸗ 
lichen Einzeldisziplinen viel näher gestellt, als dies noch bei 
Schelling gegenüber den Naturwissenschaften der Fall gewesen 
war. Denn liest man Hegels Geschichtsphilosophie, die bei 
—DD—— 
fesselndsten historischen Bücher hätte gemacht werden können, so 
wird man bald, nach Überwindung der grundsätzlichen Er— 
örterungen, der Tatsache inne werden, daß sie im einzelnen 
nur wenig metaphysische Anleihen macht. Im Grunde spielt 
nur die Überzeugung eine beherrschende Rolle, daß die Ent— 
wicklung der Freiheit irgendwie das Wesen der Menschheits— 
geschichte bestimme; im übrigen bilden Begriffe der immanenten 
Entwicklung den Rost und machen auch den Charakter der einzel⸗ 
nen Darlegungen aus. So daß sich mit ein wenig Übertreibung 
wohl sagen ließe, daß in Hegels Buch eine der geschicktesten 
und frühesten, auf das Ganze des Zusammenhanges gerichteten 
empirischen Universalgeschichten vorliege — geschrieben von 
einem Manne, dem es selbst auf dem Gebiete der historischen 
Hilfswissenschaften, z. B. dem der Quellenkunde, nicht an origi⸗ 
nalen Gedanken gebrach. 
Ist dies die Stellung der Geschichtsphilosophie Hegels im 
Bereiche der wissenschaftlichen Empirie, so versteht sich, mit wie 
vielen, einer empirisch-genetischen Betrachtung der Dinge ent⸗ 
gegenstehenden philosophischen Vorurteilen sie brechen mußte. 
So mit der Neigung der Weltanschauung des 17. und 
18. Jahrhunderts, sich wesentlich nur auf Mathematik und 
Mechanik zu stützen, die auch bei Kant, dem Zünger Newtons, 
noch keineswegs verschwunden war. So mit dem wesentlich
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.