Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

314 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
19. Jahrhunderts bis auf heute; Humboldts Buch, ein echtes 
Erzeugnis schon der Jahrzehnte des Realismus, ist bei weitem 
gelehrter, wissenschaftlicher, positiver in seinem Inhalt; aber es 
fehlt ihm das große Pathos der Anfänge eines kulturgeschicht⸗ 
lichen Zeitalters; seine Resonanz verlief darum bereits in den 
nächsten Menschenaltern, und heute bleibt es zumeist ungelesen, 
wenn es auch noch nicht völlig vergessen ist. 
Was aber die Entwicklung der historischen Naturwissen⸗ 
schaften in der Periode des Realismus auf die Dauer kennzeichnete, 
das war doch nicht so sehr die Erscheinung des einen großen Hum⸗ 
boldt, als vielmehr die nun endlich sich der Abklärung nähernde 
Entwicklung einer Disziplin, die, auf Grund einer Verarbeitung 
alles Wissens dieser historischen Wissenschaften nach bestimmten 
Gesichtspunkten, entschieden und sicher nach den Geisteswissen⸗ 
schaften hinüber vermittelte. Diese Disziplin war die Geographie. 
Zusammenfassung geographischer Tatsachen nach allgemeinen 
Gesichtspunkten hat man schon früh versucht. So hat Clüver 
um 1620 eine Länderkunde unter geschichtlich-antiquarischem 
Gesichtspunkte geschrieben, so Varenius um 1650 in seiner 
Geographia universalis den Grundtyp einer allgemeinen 
physischen Erdkunde aufgestellt. Allein den Anfang einer ge— 
ordneten wissenschaftlichen Disziplin bezeichneten solche Er— 
scheinungen nicht. Es ist klar, daß diese, als eine auf die 
Geschichte der Menschheit gerichtete Synthese der Errungen⸗ 
schaften der historischen Naturwissenschaften erst dann zu stetiger 
Entwicklung gelangen konnte, als diese Naturwissenschaften 
weit genug gediehen waren, um ein genügendes Material für 
eine solche Synthese zu liefern. Darum blieben denn auch 
noch die Bestrebungen Kants und Herders auf diesem Gebiete 
fruchtlos, so sehr der eine vom physikalisch-terrestrischen, der 
andere vom anthropologischen Pole der Geographie aus bereit 
und bestrebt war, geographische Probleme zu fördern. 
Zum Begründer der wissenschaftlichen Geographie ist erst 
Karl Ritter (1779 1859) geworden. Denn er zuerst formulierte 
das Problem der neuen Wissenschaft dahin, daß sie die regel— 
rechte Bedingtheit der geschichtlichen Ereignisse durch die geo—
	        
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