316 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Aber lag hier nicht ein Problem von allgemeinerem, als
nur geographischem Interesse vor? War die undeutliche Vor⸗
stellung, die geringe Unterscheidung von Bedingung und Ursache
bei Ritter nicht auch eine Folge von Unklarheiten auf dem
Gebiete der Geisteswissenschaften?
[V.
Treitschke hat einmal ausgeführt, daß die Entwicklung
der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert von der exakten
historischen Forschung entscheidend beeinflußt worden sei. Einer
der merkwürdigsten Irrtümer. Das gerade Gegenteil trifft zu,
faßt man nur das weite Gebiet der Geschichts- und Gesellschafts—
wissenschaften als eine Einheit; und selbst für schon weit frühere
Zeiten läßt sich mehr als eine Einzelheit der geistigen Ent—⸗
wicklung als auch von den Naturwissenschaften mit beeinflußt
nachweisen: so haben z. B. in der ersten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts Entdeckungen in der Optik den Herausgeber des Specta⸗
tors auf jene Untersuchungen über das Wesen der subjektiven Ein⸗
bildungskraft geführt, die von so großem Einfluß auf die früh—
subjektivistischen Theorien der Schweizer Poetiker geworden sind.
Indes viel wichtiger erscheint, daß die Naturwissen⸗
schaften sich in den Beziehungen der Wissenschaft überhaupt
zu den hervorragendsten Anschauungs- und Begriffsformen
der menschlichen Seele als die bestimmenderen, mächtigeren er—
wiesen. Daß schließlich von ihnen die konkrete Raumanschau⸗
ung der ersten wie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
vielfach gestaltet und sicherlich vor allem beherrscht wurde,
mag dabei noch als selbstverständlich erscheinen: denn auf diesem
Gebiete sind die Einwirkungsmöglichkeiten der Naturwissen⸗
schaften an sich weit stärker und zahlreicher als die der Geistes—
wissenschaften. Allein auch in der konkreten Formung des
Zeitbegriffs siegten sie: denn nicht die, Historie, sondern
die Geologie und die Astronomie haben jene Erbreiterung des
Begriffes herbeigeführt, die allem Denken der Zeit neue Weiten
und damit veränderten Inhalt gab. Ja im Zusammenhange