Beginnender Realismus. 317
hiermit ist der Einfluß namentlich der Geologie noch viel tiefer
gedrungen; ihre Katastrophentheorie wurde auf lange Zeit
maßgebend für den feineren historischen Begriff der Revolution,
und erst nachdem sie die Vorstellung von der kontinuierlich—
langsamen Entwicklung durchgebildet hatte, ist diese in geistes⸗
wissenschaftliche Gebiete eingedrungen.
Sind dies Erscheinungen, deren Verlauf so ziemlich alle
Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts deckt, so war es in den
zwanziger und dreißiger Jahren vor allem die Empfindung,
der Instinkt, daß ein Zeitalter bloßer Tatsachenwissenschaften
angebrochen sei, der sich erst von den Naturwissenschaften auf
die Geisteswissenschaften verbreitete. Zunächst in den Natur—
wissenschaften erkaltete jenes Pathos eines latenten Evolutio⸗
nismus, das noch die Zeit von 1800— 1810 erfüllt hatte. Statt
dessen trat eine agenetische, und das hieß immer mehr ratio⸗
nalistische Behandlung der Probleme ein, die schließlich über
die Ausschaltung jedes tiefer evolutionistischen und vor allem
vitalistischen Gedankens zu der Materialisierung der anorganischen
und organischen Naturwissenschaften und zu dem philosophischen
Materialismus der fünfziger Jahre geführt hat. Dabei wurden
wohl anfangs noch gelegentlich, und eben von den bedeutendsten
Männern, Gedanken in evolutionistischer Richtung geäußert und
selbst einzelne Einzelforschungen ausgeführt: aber diese Gedanken
wurden immer weniger gehört und die auf sie eingehenden
Arbeiten immer weniger anerkannt. Wirklich durchdringend,
klar und laut hat von großen Naturforschern in Deutschland
und in seinen Annexen nach 1810 eigentlich nur noch Oersted
sim Jahre 1812) evolutionistische Ideen vorgetragen.
Dieser Verlauf wiederholte sich, unter den Abwandlungen,
die mit dem Unterschiede beider Wissenschaftskreise gegeben waren,
auch in den Geisteswissenschaften: war also doch vor allem auch
Ausdruck des Verlaufes der allgemeinen Denkrichtung, ja des zum
Realismus forttreibenden Seelenlebens überhaupt. Darum
konnte Ruge schon im Jahre 1838 in den Halleschen Jahrbüchern!
S. 1169 ff.